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Als Bergsteiger, Mountainbiker, Skitourengeher, Eiskletterer oder auch Paragleiter sind wir leidenschaftlich gerne in der Natur unterwegs. Vielfach ist uns dabei aber nicht bewusst, dass dieser Naturraum Lebensraum vieler verschiedener Tierarten ist, die äußerst sensibel auf Störungen reagieren – vor allem im Winter. Wir wollten von einem Profi wissen, wie hoch das Störpotenzial ist und was wir besser machen können. 

Christina Schwann im Gespräch mit Berufsjäger Max Kofler I bergundsteigen.blog

Christina Schwann traf ihren Gesprächspartner Max Kofler bei der Rotwildfütterung.

Konflikte zwischen Jägern, Grundeigentümern, Förstern und Freizeitsportlern bleiben nicht aus und spitzen sich in manchen Regionen regelrecht zu. Das Sellraintal in Tirol ist eines der lohnendsten und damit auch eines der am stärksten frequentierten Skitourengebiete in den Alpen. 

Wir wollten es nun genau wissen: Warum stellt der Freizeitsportler ein so großes Problem für das Wild dar? Von welchen Wildarten sprechen wir überhaupt? Was kann man als Skitourengeher bzw. Bergsportler besser machen, welche Lösungsansätze gibt es und wie wird die bereits bestehende Skitourenlenkung im Sellraintal angenommen?  

Einer, der es wissen muss, ist Maximilian Kofler, Berufsjäger im 4.500 ha großen Revier Lüsens im Sellraintal. In seinem großen alpinen Gebiet kommen alle Wildarten vor, die es in Tirol gibt, angefangen von Rot- und Rehwild im Waldbereich, Raufußhühnern im Bereich der Waldgrenze bis hinauf auf über 3.000 m Höhe. Im alpinen Bereich trifft man auf Stein- und Gamswild. Fuchs, Hase und Murmeltier grüßen einander. Der Adler ist heimisch, Bartgeier und sogar Gänsegeier kommen zeitweise auf Besuch. Große Beutegreifer wie Luchs, Wolf und Bär durchstreifen das Gebiet gelegentlich. 

Als Berufsjäger und damit Jagdschutzorgan hat Maximilian Kofler im Revier vielfältige Aufgaben: Er ist dafür verantwortlich, dass das Jagdgesetz, aber auch andere Gesetze, wie etwa das Naturschutzgesetz, das Forstgesetz etc., eingehalten werden. Er ist für die Wildzählung und die Winterfütterung zuständig, er hat darauf zu achten, wie sich die Wildbestände entwickeln, ob Krankheiten auftreten oder sonstige Auffälligkeiten zu verzeichnen sind. Der Schutz des Wildes beinhaltet zudem nicht zuletzt den Schutz vor Störungen von außen, wie etwa durch Freizeitsportler, inklusive einer entsprechenden Aufklärungsarbeit. 

Beruf Jäger
Um Berufsjäger zu werden, muss man eine dreijährige Ausbildung inkl. einem Forstjahr absolvieren und legt im Anschluss eine Lehrabschlussprüfung ab, womit man Berufsjäger ist. Nach vier Jahren Praxis hat man die Möglichkeit, die Meisterprüfung zu absolvieren, womit man Revierjäger ist. Wo es einen Berufsjäger braucht, ist vom Gesetz her geregelt: Bei jedem Revier, das größer als 3.000 ha ist, ist ein Berufsjäger vorgeschrieben. Aber auch in kleineren Revieren leisten sich Grundeigentümer oder Jagdausübungsberechtigte manchmal einen Berufsjäger, einen Profi.
Christina Schwann im Gespräch mit Berufsjäger Max Kofler I bergundsteigen.blog

Erst nach tatkräftiger Unterstützung ging man ans gemeinsame Interview.

Max, Du bist seit vielen Jahren Berufsjäger im Sellraintal und täglich in Deinem Revier unterwegs. Immer wieder hört man, dass das Wild vor allem durch Freizeitsportler beunruhigt wird – mit all den negativen Folgen für die Tiere selbst sowie für den Wald. Wodurch kommt es zu dieser Beunruhigung?
 

Berührungspunkte mit Freizeitsportlern gibt es mittlerweile ganzjährig – Winter wie Sommer. Früher war in den Monaten Dezember, Jänner, Februar praktisch niemand unterwegs, da hatte das Wild seine Ruhe. Im Winter sind vor allem sehr viele Skitourengeher und Schneeschuhwanderer unterwegs, die in Wildeinstandsgebiete hineingehen, also Gebiete, in denen das Wild den Winter verbringen soll oder muss. Vor allem bei Stein- und Gamswild, das nicht gefüttert wird, werden die Tiere durch die permanente Störung in Gebiete abgedrängt, wo sie zu wenig Nahrung finden und tatsächlich zum Großteil eingehen.    

Auch im Sommer wird Gams- und Steinwild gestört, wobei im Sommer aber die Fläche, die dem Wild zur Verfügung steht, viel größer ist und daher ein weniger großes Problem mit dem Freizeitsportler entsteht, als dies im Winter der Fall ist. 

Im Gegensatz zum Gams- und Steinwild wird Reh- und Rotwild in Tirol gefüttert. In den Fütterungsbereichen sollte so wenig Störung wie möglich stattfinden. Vor allem das Rotwild ist extrem vorsichtig und es kann vorkommen, dass die Hirsche die Fütterung nach einer Störung für ein bis zwei Tage komplett meiden.

Viele Freitzeitsportler sind zudem mit Hunden unterwegs. Ein massives Problem, denn viele haben ihren Hund nicht im Griff. Wenn ein Tier flüchtet, löst dies beim Hund den Instinkt aus, diesem zu folgen. Ob er es dann auch reißt oder nicht, ist eine andere Geschichte. Jedenfalls treibt er es durch den Wald und über das Gelände.

Abgesehen davon boomt das Paragleiten. Immer kleinere und leichtere Schirme ermöglichen die problemlose Mitnahme auf Berg- oder Skitour und den Flug ins Tal. Die „Bedrohung aus der Luft“ ist z.B. für die Gams massiv und lässt sie in Panik flüchten. 

Dasselbe passiert bei Hubschrauberflügen nahe der Hangflanke und insbesondere beim Überfliegen von Hangkanten, wenn das Rudel dahinter im vermeintlich geschützten Bereich steht. 

Rot- und Rehwild

Früher zog das Rot- und Rehwild im Winter von den Bergwäldern in die Auengebiete der Tallagen. Diese Aulandschaften wurden bei uns durch den Siedlungs- und Wirtschaftsraum praktisch komplett verdrängt, sodass das Wild keine Ausweichmöglichkeiten mehr hat. Es muss im Bergwald bleiben und verursacht durch die Nahrungsknappheit Verbiss- und Schälschäden an Bäumen. Dies wiederum schwächt Schutz- und Bannwälder und eine Naturverjüngung kommt praktisch nicht auf. Aus diesem Grund ist die Fütterung von Rot- und Rehwild in Tirol per Jagdgesetz verpflichtend.

Christina Schwann im Gespräch mit Berufsjäger Max Kofler I bergundsteigen.blog

Welche Lösungsansätze vor allem beim Thema Skitourengehen gibt es?

Der Großteil der Menschen geht nicht wissentlich in eine Fütterung hinein. Der Skitourengeher hat kein Kartenmaterial zur Verfügung, auf dem die Wildfütterungen und die Winterlebensräume eingezeichnet sind. Daher ist die Verbesserung der Information auf jeden Fall ein Ansatz, an dem man arbeiten muss, damit der Tourengeher schon in der Planungsphase seine Tour entsprechend ausrichten kann – ähnlich wie man eine Tour nach der ausgegebenen Lawinensituation plant.  

Wenn ich Tourengeher in unmittelbarer Umgebung einer Fütterung antreffe, versuche ich, aufklärend zu wirken – sprich warum wird gefüttert, welches Störungspotenzial ist gegeben etc. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass rund 90 % auf jeden Fall einsichtig sind, das Gebiet verlassen und sich in Zukunft fernhalten. Allerdings kommt immer wieder die berechtigte Frage auf, warum die Fütterungen nicht entsprechend im Gelände gekennzeichnet werden. Hier sind vor allem Grundeigentümer, Politik und auch Vereine, wie etwa der Alpenverein, gefragt.

Die Rotwildfütterung, die wir gemeinsam mit Maximilian Kofler betreten durften, ist übrigens mittels temporärem Sperrgebiet im Gelände mit entsprechenden Tafeln gekennzeichnet und unterliegt einem strikten Betretungsverbot, dessen Übertretung auch geahndet werden kann. 

Tirolweit gibt es das Projekt „Bergwelt Tirol – miteinander erleben“ mit einem Schwerpunkt im Sellraintal, in anderen Bundesländern wie in Vorarlberg oder Salzburg das Projekt „Respektiere deine Grenzen“. Erfüllen diese Lenkungsmaßnahmen ihre Ziele? 

Die Projekte sind ganz, ganz wichtig. Ich bin sehr froh, dass es diese bei uns in Tirol jetzt gibt – eigentlich hat es viel zu lang gedauert, bis sie gekommen sind. Die Erfahrungen sind sehr positiv. Aber das Ganze ist noch nicht ausgereift. Man muss nach wie vor daran arbeiten. Vor allem muss das Gamswild mehr einbezogen werden. Aktuell werden nur Raufußhühner und Rot- und Rehwild bei Fütterungen berücksichtigt. 

Generell sind die Projekte aber sehr positiv zu bewerten und ohne solche Lenkungsmaßnahmen geht es meines Erachtens in Zukunft nicht mehr. Ein paar wenige Leute nützen diese Information aber auch aus und gehen gezielt in die ausgewiesenen Schutzzonen, weil sie Wildtiere beobachten wollen. Ein schaler Beigeschmack.

Rauhfußhühner
Zu den Rauhfußhühnern zählt Auer- und Birkwild sowie das Schneehuhn. Das Schneehuhn, im Winter bestens durch das weiße Federkleid getarnt, kommt bis auf über 3.000 m Höhe vor und lässt sich gerne einschneien. Es hat eine sehr kurze Fluchtdistanz, d.h. es fliegt erst im letzten Moment auf. Generell kommt das Schneehuhn mit Störungen besser zurecht als Auer- und Birkwild. Die großen Vögel (ein Auerhahn kann bis zu 5 kg wiegen) sind schlechte Flieger und flüchten daher immer hangabwärts. Um wieder zurück in ihr Versteck zu kommen, müssen sie sich mühsam zu Fuß durch den Schnee aufwärts kämpfen. Kommen Störungen allzu oft vor, verbrauchen sie schlicht zu viel Energie und verenden.

Christina Schwann im Gespräch mit Berufsjäger Max Kofler I bergundsteigen.blog

In der Skitourenregion Sellraintal wird das Lenkungsprojekt „Bergwelt Tirol – Miteinander erleben“ umgesetzt. Hier die Infotafel am Parkplatz Lüsens mit dem Lüsener Fernerkogel im Hintergrund.

Was ist das Besondere an der Gams?

Die Gams ist unsere ursprünglichste Wildart, die ohne Fütterung überleben muss. Durch eine ständige Störung kommt es zu großen Ausfällen, weil die Tiere schlicht verhungern. Wenn man selbst einmal gesehen hat, wie so ein Tier verhungert und stirbt, dann kann man sich ausmalen, warum es mir ein so großes Anliegen ist, dass auch für die Gams etwas getan wird und noch viel mehr getan werden muss.

Gams- und Steinwild

Gams- und Steinwild sind seit jeher Bewohner des alpinen Bereichs, bestens an das karge Leben im Hochgebirge angepasst und Symbole für den Alpenraum. Gams- und Steinwild wird nicht gefüttert. Die Strategie, um den Winter zu überleben, liegt im Energiesparen. Jegliche Beunruhigung führt zu kräfteraubender Flucht und Verbrauch von viel Energie. Im Gegensatz zum Kalk zeigt die Gams im Urgestein einen wesentlich höheren Fluchtweg, bis zu einem Kilometer, was mit den weiten offenen Flächen ohne Deckung zu tun hat. 

Christina Schwann im Gespräch mit Berufsjäger Max Kofler I bergundsteigen.blog

Wie verhalte ich mich aber, wenn ich merke, dass ich jetzt gerade unabsichtlich mitten in eine Fütterung hineingeraten bin?

Wenn das passiert, dann habe ich jedenfalls schon etwas falsch gemacht – zumindest hier im Sellraintal, wo durch das Lenkungsprojekt ausreichend Information zur Verfügung steht. Sollte es dennoch passieren, dann lautet die klare Empfehlung: Das Gebiet umfahren und verlassen und sich dabei normal verhalten – sprich: nicht irgendwo in Deckung gehen. Keinesfalls stehenbleiben, Tiere beobachten oder ihnen nachgehen. 

Konflikte zwischen Freizeitsportlern – Skitourengehern, Mountainbikern etc. – mit Jägern sind bekannt. Kennst Du solche eskalierenden Fälle auch?

Ich glaube, es hat immer mit den handelnden Personen auf beiden Seiten zu tun. Man sollte die Sache immer eher sachlich und besonnen angehen. Aber es kommt schon auch vor, dass man von Freizeitsportlern beschimpft wird. Ist man aber in einem bestimmten Alter, dann kann man das abfedern. 

Hast Du prinzipiell Verständnis für die Freizeitsportler, die Skitourengeher? 

Selbstverständlich, ich bin selber Naturnutzer und Freizeitsportler, nicht nur Jäger. Ich habe vollstes Verständnis, dass die Leute raus müssen aus der Stadt, ins Gelände wollen. Aber dazu braucht es eben diese begleitenden Maßnahmen, denn das Wild war schon früher da und ich möchte es schon so haben, dass es auch die nächsten Generationen von uns noch weitervererbt bekommen. Wir sind jetzt allerdings auf einem so hohen Frequenzlevel, dass gewisse Wildarten sich extrem schwertun und vor dem Aussterben stehen, eben weil zu wenig Rücksicht auf die Tiere genommen wird. Und das Tier hat leider keinen Vertreter – außer dem Jäger und diesem wird angeheftet, er würde das nur tun, um mehr Wild erlegen zu können, was aber nicht der Fall ist. 

Christina Schwann im Gespräch mit Berufsjäger Max Kofler I bergundsteigen.blog

Max Kofler bei seiner täglichen Arbeit in der Fütterung.

Was geht Dir in Deinem Revier im Winter besonders nahe?

In meinem Revier geht mir vor allem die Situation des Gamswildes extrem nahe. Ich habe die Bestände über 25 Jahre durchgehend beobachtet und es ist dramatisch, wie stark hier die Rückgänge sind. Der Gesamtzustand der Tiere ist sehr schlecht geworden. Der Ausfall ist extrem hoch. Da muss in Zukunft viel passieren – auch von Seite des Grundeigentümers. 

Aber es ist nicht nur der Freizeitsportler, der dem Gamswild zusetzt, oder? 

Es ist eine Summe von vielen Faktoren. Hier spielen vor allem Krankheiten eine Rolle, die u.a. von Haustieren (z.B. Moderhinke, Räude) eingeschleppt werden. Der schlechte Gesamtzustand in Kombination mit der ganzjährigen Beunruhigung setzt den Tieren sehr zu. Wir sprechen heute von wirklich 360 Tagen im Jahr – Tag und Nacht – sprich: Mondscheinskitouren oder mit Stirnlampe unterwegs zu sein, was übrigens auch stark auf das Eisklettern zutrifft. Das nimmt Formen an, die kann man nicht mehr unterstützen. 

Gewöhnen sich die Tiere an den Menschen, an gewisse Touren, etwa den Hüttenzustieg oder die viel begangene Modeskitour? 

Ja, die Gams kann genau einschätzen, auf welche Distanz sie den Feind – wenn man den Freizeitsportler als solchen bezeichnen möchte – heranlassen darf, bevor sie flüchten muss. Im Normalfall haben die Tiere eine Fluchtdistanz von 200 bis 300 Meter. Wenn man ihnen nicht folgt, dann sichern sie zwar, bleiben aber ruhig stehen und beobachten. Sprich, bleibt man auf Wegen, Steigen und bestehenden Routen, hat das Wild kein großes Problem damit – ein Miteinander ist also durchaus möglich, wenn die Grenzen beachtet werden. 

Welche Rolle spielt die Art der Jagd für die Beunruhigung des Wildes? 

Wenn in Gebieten gejagt wird, in denen das Wild offensichtlich mitbekommt, dass der Mensch dort jagt, dann zeigen die Tiere generell eine größere Fluchtdistanz. Durch den Abschussplan gibt es gesetzliche Vorgaben, die die Jäger erfüllen müssen, wodurch es passiert, dass Distanzen nicht immer eingehalten werden können und auch einmal weiter geschossen werden muss. Aber das ist ein sehr komplexes Thema.

Abschussplan

Der Abschussplan wird jährlich nach der Größe und der Lage des Reviers, dem Geschlechterverhältnis und eventuellen Waldschäden (Wald vor Wild) für jede Wildart erstellt und verpflichtend vorgegeben. In Summe soll ein angemessener Wildbestand erzielt werden, der dem Interesse der Landeskultur entspricht. Die Abschusszahlen werden im Zuge der Trophäenschauen überprüft. Wird der Abschussplan nicht erfüllt, drohen Strafen.

Kannst Du aber auch verstehen, dass manche Äußerungen von Jägern – die nicht unbedingt deine Kollegen sind, weil keine Berufsjäger – sehr polarisierend wirken und sich so mancher Freizeitsportler sehr vor den Kopf gestoßen fühlt? 

Wo immer Menschen handeln, gibt es solche und solche. Auf beiden Seiten gibt es manchmal welche, die überreagieren. Aber das bringt uns in der Sache überhaupt nicht weiter. Es geht nur mit einem Miteinander. 

Deine Perspektive für die Zukunft? 

Ich bin der Meinung, es braucht in jedem Gebiet eine Skitourenlenkung, der eine entsprechende Feststellung der Wintereinstandsgebiete vorausgeht. Alle Naturnutzer müssen sich zusammensetzen und ganz normal und unaufgeregt mittels Kartenmaterial darlegen, wo die sensiblen Gebiete sind. Das Informationsmaterial muss dem Freizeitnutzer zur Verfügung gestellt werden. Das ist das Um und Auf, das braucht es flächendeckend – außer freilich dort, wo es keine Freizeitnutzer gibt. 

Siehst Du auch Potenzial bei den ausbildenden Verbänden und Organisationen?

Das ist sicher sehr wichtig. Jeder, der die Natur nutzt und auch eine Ausbildung in diese Richtung macht, sollte auf die Problematik hingewiesen und entsprechend geschult werden.

Und zum Schluss die wichtigste Frage: Gibt es Tiere, die ein Gespür für die Lawine haben?

Da bin ich mir zu 100 Prozent sicher: Die Gams hat das Gespür für Lawinen. Ich habe das über die Jahrzehnte beobachtet, schließlich bin ich hier aufgewachsen und ständig in den Bergen unterwegs. Zum Beispiel konnte ich mehrfach beobachten, dass sie einen Hang einzeln queren, wenn sie offensichtlich spüren, dass die Belastung des gesamten Rudels für die Schneedecke zu groß ist. Sie halten also Entlastungsabstände. Wie sie sich das untereinander ausmachen, weiß ich natürlich nicht, wobei besonderer Bedeutung der erfahrenen Leitgams zukommt.

Du bist ja auch in der Lawinenkommission. Konntest Du Dir von den Tieren etwas für Dein eigenes Handeln abschauen?

Sicher. Wenn ich sehe, dass das Gamsrudel ihren Winterlebensraum, ihre Äsungsflächen, verlässt, dann ist das für mich ein Zeichen, dass sich hier irgendetwas tut. Vor allem im Frühjahr, wenn die Schneedecke feuchter wird, zieht die Gams dort weg. Ich kann also davon ausgehen, dass an dieser Stelle eine Lawine abgehen wird – und meistens ist es dann auch so. 

Christina Schwann und Peter Plattner bedanken sich für das Gespräch.

 Christina Schwann im Gespräch mit Berufsjäger Max Kofler I bergundsteigen.blog

Die wichtigsten Verhaltensempfehlungen für Freizeitsportler kurz zusammengefasst: 

  • Über Lenkungsprojekte, Wildfütterungen und Einstandsgebiete informieren – soweit Information vorhanden ist – und die Tour entsprechend planen. 
  • Unbedingt an bestehende Lenkungsprojekte halten – vorgegebene Aufstiegsrouten und Abfahrtsvarianten nutzen. 
  • Wenn Hunde dabei sind, anleinen, keinesfalls frei laufen lassen.
  • Auf Skitouren (auch Eisklettertouren oder Schneeschuhwanderungen) in der Dämmerung oder in der Nacht verzichten. 
  • Wildtieren niemals nachfahren – Fluchtdistanz respektieren. 
  • Bereich der Waldgrenze auf kurzem Weg durchqueren, nicht entlang der Waldgrenze gehen.
  • Ist man doch in einen Fütterungsbereich eingefahren, jedenfalls normal verhalten, weiterfahren, das Gebiet möglichst rasch verlassen. Keinesfalls in Deckung gehen, anschleichen und Tiere beobachten. 
  • Paragleitflüge nur wo erlaubt bzw. Genehmigung des Grundeigentümers einholen. 

Alle Fotos: argonaut.pro