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COVID-19 #8: Bergrettung, Martin Gurdet

Martin Gurdet ist (ehrenamtlicher) Landeseinsatzleiter der Bergrettung Niederösterreich/Wien. Wir haben ihn gebeten, die aktuelle Situation und die besonderen Herausforderungen der Bergrettung in Österreich allgemein darzustellen (Stand: 31.3.20) – natürlich darf der Appell der Bergrettung an alle Bergsportler am Ende seines Beitrages nicht fehlen.
Martin Gurdet, Österreichische Bergrettung I bergundsteigen.blog

Martin Gurdet, Landeseinsatzleiter Bergrettung Niederösterreich/Wien. Foto: Peter Plattner

Bergrettungsdienst in Zeiten des Coronavirus

Der Österreichische Bergrettungsdienst (ÖBRD) ist vom Bundesministerium für Inneres (BMI) als kritische Infrastruktur eingestuft, Teil des staatlichen Krisen- und Katastrophenmanagements (SKKM) und auf Landesebene im Rettungsdienstgesetz verankert.

Neue Herausforderungen

Zuerst das Gute: Die Einsatzzahlen sind aktuell (Stand: 31.3.20) so niedrig wie selten zuvor.

Dennoch stellt jeder einzelne Einsatz eine völlig neuartige und dadurch große Herausforderung für die Mannschaft und den Einsatzleiter im Besonderen dar:

Der Umgang mit potenziell hochinfektiösen Risikopatienten im unwegsamen oder gar alpinen Gelände war bisher schlichtweg kein Thema im Bergrettungsdienst. Der Infektionsschutz beschränkt sich seit Jahren auf den Umgang mit dem Risiko von Ansteckungen durch Krankheitserreger, die durch Blut übertragen werden, wie z.B. HIV, Hepatitis B oder C.

Dabei ist das Risiko einer Krankheitsübertragung im Bergrettungsdienst grundsätzlich als „gering“ eingestuft, das mit den üblichen Hygieneschutzmaßnahmen sehr gut bewältigbar ist (vgl.: Handbuch Medizin des Österreichischen Bergrettungsdienstes, 2018). Das Tragen von Einmalhandschuhen im Umgang mit Patienten ist somit „Stand der Technik“ und ausreichend.

Auf Übertragungen durch die Luft wird in unseren Ausbildungsrichtlinien zwar hingewiesen, ebenso aber auch, dass Atemschutzmasken im Bergrettungsdienst üblicherweise nicht mitgeführt werden. Bis jetzt! 

„Virenschutz“ und neue Strategien im Mittelpunkt der Einsatzfähigkeitserhaltung

Der ÖBRD ist aktuell gefordert sicherzustellen, dass die landesweite Einsatzfähigkeit bestehen bleibt. Erste Fallbeispiele zeigen, wie rasch auch große Teile einer Ortsstelleneinsatzmannschaft ausfallen können, wenn einzelne Personen von ihr, auch ohne nachgewiesene Infektion, „nur zur Abklärung“ in 14-tägige häusliche Quarantäne gestellt werden.

Rettungskonzepte und Strategien, die seit vielen Jahren geschult werden und erfolgreich Anwendung finden, sind durch die geänderten Rahmenbedingungen nun innerhalb kürzester Zeit nicht nur anzupassen, sondern neu zu entwickeln.

Eine gemeinsame Einsatzvorbesprechung in der Bergrettungszentrale? Aktuell nicht möglich! Ein Meter Abstand bei der Patientenbetreuung im alpinen Gelände, am Standplatz oder beim gemeinsamen Abseilen …?!?

Bergrettungseinsätze sind naturgemäß meist sehr mannschafts- und zeitintensiv. Die Bilder vom Lawineneinsatz am Dachstein (9. März 2020) sind uns noch in Erinnerung: Hunderte Helfer auf engstem Raum – aktuell ein „Horrorszenario“….

Nun gilt es, neue Wege zu finden, Schutzmechanismen insbesondere für die Erhaltung der Einsatzfähigkeit zu etablieren und zu schulen – ohne dass es physische Treffen gibt. Auch das ein Novum: Skype, Zoom, WhatsApp-Video usw. in der Bergrettung? Ja, schon und nichts Neues für unsere jungen Kameraden, nun aber tagen Stäbe und Führungsgremien regelmäßig online. All das war vor wenigen Wochen noch völlig undenkbar.

Logistik

Was die logistischen Herausforderungen betrifft, waren unsere Beschaffungsvorgänge bisher überschaubar und lokal. Plötzlich hält das Wort „Weltmarkt“ im Zusammenhang mit der Maskenbeschaffung Einzug in den Sprachgebrauch. Vor Kurzem konnte ein erstes Kontingent an Schutzmasken über den Bundesverband an alle Landesorganisationen geschickt werden. Weiterer Bedarf an Schutzausrüstung besteht allerdings!

Positiv ist zu berichten, dass sich im Kampf gegen das Virus umgehend eine Austauschgruppe zwischen den Landesleitungen gegründet hat. In dieser werden gemeinsam Strategien entwickelt und Konzepte untereinander ausgetauscht.

Aktuell gilt es, die bereits gesetzten Maßnahmen zu evaluieren, offene Punkte abzuarbeiten und uns auf Kommendes bestmöglich vorzubereiten.

Appell der Österreichischen Bergrettung I bergundsteigen.blog

Appell der Österreichischen Bergrettung

ÖBRD Appell: „Leben schützen – Risiken minimieren!“

Kernbotschaften zur Unterstreichung des Appells

  • Jeder kann – über die rechtlichen Beschränkungen hinaus – weitere Gefährdung für sich, seine Liebsten, sein Umfeld und Rettungsdienste reduzieren!
  • Der freiwillige Verzicht auf Unternehmungen, sofern nicht durch Gesetze und Verordnungen ohnehin vorgegeben, abseits des öffentlichen Wegenetzes, insbesondere im alpinen Gelände, ist ein wertvoller Beitrag dazu! Insbesondere da Personenrettungen im alpinen Gelände besonders mannschaftsintensiv sind.
  • Die 13.000 freiwilligen Bergretterinnen und Bergretter Österreichs werden jedes Jahr bundesweit zu rund 9.000 Einsätzen gerufen (durchschnittlich 25 Einsätzen/Tag); wenn wir in der aktuellen Phase diese Unfallzahlen ebenfalls reduzieren, bewirkt das:
    • eine Reduktion der Exposition von Rettern (gilt für alle Rettungsorganisationen) und Patienten, sowie
    • eine Schonung der Spitalskapazitäten