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Eigentlich wollten wir (Kollege Würtl und Plattner) an dieser Stelle einen zusammenfassenden Beitrag zur Technik „Gehen am kurzen Seil“ bzw. den möglichen Alternativen schreiben und auch die verschiedenen Ansätze und Bezeichnungen in den Alpenländern aufzeigen. Das haben wir aber auf die nächste Ausgabe verschoben. Denn bei unserer Recherche zum kurzen Seil sind wir immer wieder zu ein paar kopierten und abgegriffenen, zusammengehefteten Blättern zurückgekommen, ein Relikt von unserer Bergführerausbildung vor mehr als 20 Jahren: ein Skriptum zu diesem Thema vom damaligen Ausbildungsleiter Klaus Hoi. (aus bergundsteigen 3/16)

Klar, manche Dinge haben sich verändert und bei der Abbildung zum Seilverkürzen mit klassischer Brust-Hüftgurtkombination schmunzeln wir heute. Doch das Rad muss nicht immer neu erfunden werden – schon gar nicht beim Bergsteigen. In vielen Dingen bringt es dieser „historische“ Text auf den Punkt und hat auch heute noch volle Gültigkeit. Deshalb wollen wir ihn unserer Leserschaft nicht vorenthalten und freuen uns, dass uns Klaus erlaubt hat, diesen – unseres Wissens nach – ersten Leitfaden zum Gehen am kurzen Seil 1:1 abzudrucken. Wie immer natürlich bitte selbst das Gehirn einschalten und sich im Geiste ca. 30 Jahre zurückversetzen.

Vorab aber noch die Antwort von Klaus Hoi, wann und wie es zu diesem Skriptum gekommen ist und welche Gedanken er damit verbindet:

„Ich werde es wohl 1983 verfasst haben, da mir dieses Thema für die Bergführerausbildung sehr wichtig erschienen ist. Aus Gründen der Einheitlichkeit wollte ich für Lehrer und Schüler die damals aktuellen Führungstechniken darstellen. Es gab damals noch keine bohrhakengesicherten Übungsrouten oder Klettersteige, wo man heute anders arbeiten kann, obwohl ich der Meinung bin, dass z.B. die Raupentechnik für eine 5-6 Teilnehmer umfassende Gruppe immer noch praktikabel wäre.

Aber nochmals zurück zum kurzen Seil und gleichzeitigen Gehen: Als ich 1965 die Bergführer-Ausbildung gemacht habe, konnte ich schon gut klettern, aber von der Seilhandhabung hatte ich wenig Ahnung und lernte begierig alles in den Kursen. Beim Skiführerkurs wurde unter der Kursleitung von Rudl Steinlechner u.a. der Wilde Leck Ostgrat begangen. Es wurde irgendwie über die Felszacken und den Körper gesichert. Der Heeresbergführer Felix Kuen war damals schon ein ‚berühmter‘ Teilnehmer, der mit seiner Kraft kaum zu bremsen war. Er rammte seine langen Skistöcke verkehrt in den Wächtenschnee und sicherte darüber – wir waren eher skeptisch. Ich meinte zu meinem Seilpartner, auf so einem Fels-/Schneegrat ohne Sicherungzacken müsste bei einem Absturz der Partner in die andere Richtung springen. Wir probierten das spontan, sehr zum Schrecken unseres Ausbilders. Am Abend wurde beraten, ob man ‚die Steirer‘ nicht nach Hause schicken sollte …

Ich habe in meinen Protokollen und Kursberichten von den Eiskursen nachgeforscht und erstmals beim Septembereiskurs 1983 auf der Oberwalderhütte das Unterrichtsfach: ‚Sicherungstechnik in Schnee und Eis, das Gehen am verkürzten Seil als führungstechnische und sicherungstechnische Maßnahme‘ gefunden. Die Glocknergruppe ist ein Paradegebiet für eine Bergführerausbildung und die größte und anspruchsvollste Tour war immer die Glocknerwandüberschreitung, Stüdlgrat hinunter und dann retour zur Oberwalderhütte – das war viel Übung für die Burschen und Mädels mit dem kurze Seil. Aber um keine Selbsttäuschung oder falsche Illusion aufkommen zu lassen, wurde das Halten eines Sturzes oder Rutschers unter allen wechselnden Bedingungen ständig geübt und trainiert. Ich möchte behaupten, dass die Bergführeranwärter bereits damals ein sehr hohes Übungsniveau gehabt haben. Davon hat ein Normalbergsteiger sehr wenig Ahnung gehabt. 

Ich selber bin mein gesamtes Bergführerleben sehr viel mit verkürztem Seil und gleichzeitig gegangen, allerdings immer mit dem nötigen Respekt und Vorsicht und hoher Konzentration. Ich wäre nie mit einem auch sehr guten Kletterer als Gast seilfrei z.B. über den Peternpfad (Grad II, Gesäuse) hinuntergegangen. Erst kürzlich war ich wieder einmal dort und mein Partner Hugo und ich sind sehr langsam und vorsichtig abgestiegen – ich habe mir gewünscht, am Seil eines jungen geschickten Bergführers gehen zu können. 

Es ist die Einsicht und Erkenntnis, dass man als Senior viel leichter das Gleichgewicht verliert und nicht mehr so beweglich ist. Nachdem aber der Großteil unserer Gäste in dieser Situation ist, bedarf es unbedingt der Sicherung mit dem kurzen Seil. 

Meine heutige Erkenntnis ist aber auch, dass du als Bergführer ein sehr trittsicherer und reaktionsschneller Mensch sein musst. Auch die kräftemäßige Überlegenheit muss gegeben sein. Wenn beide gleich müde und unkonzentriert sind, wird das Seil wenig nützen. Es ist wohl auch ein großer Unterschied zu machen, ob ich mit einer zierlichen Frau – z.B. Hilde, 45 kg – in fünf Stunden über den Windlegergrat gehe oder mit einem kräftigen Mann – z.B. Franz, 80 kg – über den Grimming klettere. 

Ich habe nur noch ein einziges, schon sehr vergilbtes Exemplar des gedruckten Skriptums, und nachdem ich alles nochmals gelesen habe, ist von mir aus nichts mehr hinzuzufügen. Selbst die Feststellung, das Gehen am kurzen Seil sei eine ausgesprochene ‚Bergführertechnik‘, kann so bleiben.“

Alle Beiträge „Kurzes Seil“

Klaus Hoi I bergundsteigen.blogKlaus Hoi

Klaus Hoi, Jahrgang 1942, ist Bergführer und war von 1965 bis 1996 in der österr. Bergführerausbildung auch als Ausbildungsleiter tätig. Als begnadeter Kletterer, Alpinist, Querdenker, Materialentwickler und Lehrbuchautor hat er überall seine Spuren hinterlassen – und hinterlässt sie auch heute noch. ber(g)sönlichkeit in bergundsteigen #79 (2/12).

Die Geschicke in der österr. Bergführerausbildung wurde bis 1996 von Klaus Hoi gelenkt. Als Ausbilder und Bergsteiger bekannt, machte er sich auch einen Namen für sein Engagement die alpine Sicherheit betreffend. Sei es als Entwickler von Ausrüstung (Hüftgurt „Hoi“) und Seiltechniken (Ein-Mann-Bergetechnik) oder Autor von Lehrschriften (Behelfsmäßige Bergrettungstechnik).