code

*

code

„In zwei Jahren vom Entweder-oder zum Sowohl-als auch“ – so könnte man die Entwicklung einer einheitlichen Lehrmeinung der Bundessportakademie-Österreich zusammenfassen. Die BSPA ist für die Bergführer-, Skilehrer- und Instruktorausbildung verantwortlich und wollte eine grüne, auf breiter Basis abgestimmte Linie für die Lawinenbeurteilung in ihren Lehrgängen haben. Was daraus geworden ist und warum keine etablierte Methode wie z.B. „Achtung Lawine“ übernommen wurde erklären unsere Autoren, die das Projekt von Anfang an begleitet haben.

von Reinhold Pfingstner und Thomas Wanner

Betrachtet man Entwicklungen in verschiedensten Bereichen, so ist immer wieder eine Abfolge von Phasen der Differenzierung und Phasen der Integration zu erkennen. So auch in der Theorieentwicklung zur Lawinenkunde. Während der Beginn des Jahrtausends von Differenzierung geprägt war, ist in den letzten Jahren die Integration in den Mittelpunkt gerückt. Unterschiedliche Zugänge und Methoden werden in Konzepte integriert. Es steht nicht mehr so sehr das Trennende im Vordergrund, Gemeinsamkeiten werden gesucht. Die Basis der Qualität der Gemeinsamkeiten wurde in der Ausdifferenzierung der Unterschiede gelegt.

Vor diesem Hintergrund scheint der Zeitpunkt ein günstiger gewesen zu sein, als Günther Apflauer von der Abteilung Schul- und Universitätssport des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung im Oktober 2018 zu einem ersten Treffen nach Innsbruck mit dem Titel „Lawinenausbildung in maßgeblichen Ausbildungsorganisationen in Österreich – Gemeinsame Weiterentwicklung“, eingeladen hatte. Dieses erste konstruktive Treffen endete mit der Entscheidung, eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der größten Ausbildungsorganisationen einzurichten – Alpenverein Österreich, Naturfreunde Österreich, Verband der Österreichischen Berg- und Skiführer und Alpinpolizei, geleitet durch Michael Mayrhofer von der Bundesportakademie (BSPA). Die BSPA führt in Österreich die Instruktorenausbildung und das Abschlusssemester der Bergführerausbildung durch und arbeitet dabei in enger Kooperation mit den jeweiligen Verbänden.

Der Leiter des Projekts „integrative Lawinenkunde“, Michael Mayrhofer von der BSPA-Innsbruck, als Bergführer unterwegs im Gelände.

Der Leiter des Projekts „integrative Lawinenkunde“, Michael Mayrhofer von der BSPA-Innsbruck, als Bergführer unterwegs im Gelände.

Gemeinsame Lawinenausbildung in der BSPA

Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht absehbar, dass aus dieser Arbeit die „Integrative Lawinenkunde“ entstehen wird, wobei diese keine „neue“ Lawinenkunde, sondern die Zusammenführung von aktuellen Zugängen beschreibt.

Integration wird in diesem Zusammenhang verstanden als,

  • die Integration verschiedener theoretischer Zugänge unter Beibehaltung der spezifischen Abgrenzungen
  • die Integration wissensbasierter und regelbasierter Verfahren
  • die Integration von Verhältnissen, Gelände und Mensch
  • die Integration von Theorie und Praxis
  • die Integration von Handlung, Erfahrung und Lernen.

Ausgangspunkt der Arbeit waren die verschiedenen Zugänge und Ausbildungsunterlagen in Österreich, sowie das Schweizer und deutsche Faltblatt „Achtung Lawine“. Der anfänglichen Idee eines dritten, österreichischen Faltblattes kehrte man schnell den Rücken zu und die Arbeitsgruppe entschied, einen Foliensatz für Ausbildungen und ein Feldbuch für die Arbeit im Gelände zu erstellen.

Im strukturellen Aufbau des Foliensatzes haben wir uns am 3×3 Modell (Munter) orientiert, die Unterscheidung in Verhältnisse, Gelände und Mensch beibehalten, die einzelnen Phasen etwas verändert und um die Phase „Reflexion“ ergänzt (Abb. 1). Vor einem lerntheoretischen Hintergrund kommt der Reflexionsphase eine hohe Bedeutung zu. Lernen findet zum größten Teil nicht während, sondern nach der Tour statt. Daraus entstand das Kernstück der „Integrativen Lawinenkunde“, der Beurteilungs- und Entscheidungsrahmen.

Abb. 1 Beurteilungs- und Entscheidungsrahmen aus Foliensatz „Integrative Lawinenkunde“.

Abb. 1 Beurteilungs- und Entscheidungsrahmen aus Foliensatz „Integrative Lawinenkunde“.

Planen

Drei große Säulen Planen-Entscheiden-Lernen bilden das Fundament der Integrativen Lawinenkunde. Die detaillierte Tourenplanung (Abb. 2) stellt dabei den ersten Baustein dar. In den zuvor erwähnten drei Ebenen Verhältnisse, Gelände und Mensch (Munter) wird dabei die geeignetste Tour ermittelt und alle relevanten Informationen aus Lawinenlagebericht, Wetterbericht und eigenen Beobachtungen zusammengetragen.

Eine erste Risikoeinschätzung der einzelnen Schlüsselstellen erfolgt anhand der Grafischen Reduktionsmethode.

Dem Faktor Mensch wird ein besonderes Augenmerk gewidmet. In der österreichischen Bergführerausbildung wird der Mensch, also der Gast, zentral in die Tourenauswahl mit eingebunden. Ein Konzept, das nicht nur in der professionellen Ausbildung Sinn macht, weshalb es auch in die Integrative Lawinenkunde übernommen wurde.

Faktor Mensch: Was sind die Ziele, Motive, Kompetenzen, … der Teilnehmerinnen der Gruppe?

Faktor Mensch: Was sind die Ziele, Motive, Kompetenzen, … der Teilnehmerinnen der Gruppe?

Anhand von gezielten Fragen werden die möglichen Touren gefiltert und Bewusstsein geschaffen, mit wem man eigentlich unterwegs ist:

  • Was wollen die Teilnehmer*innen: Ziele, Motive
  • Was können die Teilnehmer*innen: Fertigkeiten, Kompetenzen
  • Wie sind die Teilnehmer*innen/die Gruppe: Persönlichkeit, Gruppenstruktur
  • Passen die Rahmenbedingungen: Gruppengröße (max. 8), Ausrüstung, Verhältnisse …
Abb. 2 Doppelseitiges Tourenplanungsformular aus dem Feldbuch „Integrative Lawinenkunde“.

Abb. 2 Doppelseitiges Tourenplanungsformular aus dem Feldbuch „Integrative Lawinenkunde“.

Entscheiden

Hat man sich schließlich für eine Tour und idealerweise für eine Alternativtour entschieden und diese im Tourenplanungsformular (Abb. 3) ausgearbeitet, geht man im nächsten Schritt auf die Analyse der einzelnen Schlüsselstellen, also der einzelnen Hänge ein. Die in bergundsteigen (4/17) vorgestellte Methode GKMR von Chris Semmel und Ben Reuter zur Bewertung von Einzelhängen und das aktuelle Winter Journal des VDBS diente dabei als Arbeitsvorlage.

Es gilt zu erwähnen, dass die Einzelhangbeurteilung bei der Planung unter Umständen noch nicht abgeschlossen werden kann. Wenn ich die Tour nicht kenne und neu im Gebiet bin, werden Faktoren wie Geländefallen oder frische Spuren nicht oder nur sehr schwer zu beantworten sein. Das weitere Ergänzen der Bewertung der Schlüsselstellen auf Tour soll zum strukturierten Lernen beitragen.

Abb. 3 Beurteilung der Schlüsselstellen und Reflexion der Tour aus dem Feldbuch „Integrative Lawinenkunde“.

Abb. 3 Beurteilung der Schlüsselstellen und Reflexion der Tour aus dem Feldbuch „Integrative Lawinenkunde“.

Die einzelnen Begriffe bei der Beurteilung von Lawinenwahrscheinlichkeit und Konsequenzen wurden in der Arbeitsgruppe eingehend diskutiert. Während man sich mit der Grundstruktur sehr stark an dem bestehenden GKMR-Modell orientierte, wurden die einzelnen Begriffe angepasst und durch klarere, leichter vermittelbare Begriffe ersetzt. Auch wurden die Geländeparameter und die einzelnen Elemente für die Auslösewahrscheinlichkeit im Überbegriff Lawinenwahrscheinlichkeit zusammengefasst.

Die Risikoabschätzung und das Definieren von geeigneten Maßnahmen schließt die Einzelhangbeurteilung ab. Es wird bewusst auf einen Entscheidungsalgorithmus oder starre Entscheidungsregeln verzichtet. Das Bewusstmachen der Situation, also des Lawinenproblems und der vorherrschenden Gefahr, sowie das Abwägen der zu erwartenden Konsequenzen sollen einen strukturierten und nachvollziehbaren Entscheidungsprozess in Gang setzen. Dem Risiko wird so durch geeignete Maßnahmen begegnet, in letzter Konsequenz auch durch den Verzicht der Tour.

Die „Integrative Lawinenkunde“ verzichtet bei der Einzelhangentscheidung bewusst auf Algorithmen oder -regeln.

Die „Integrative Lawinenkunde“ verzichtet bei der Einzelhangentscheidung bewusst auf Algorithmen oder Regeln.

Lernen

Dem LERNEN kommt in der Integrativen Lawinenkunde ein ganz besonderes Augenmerk zuteil. Der Wissenstransfer stellt die dritte Säule im Konzept der Integrativen Lawinenkunde dar und soll einen strukturierten Lernprozess in Gang setzen. Gelernt wird in der Regel nicht auf Tour, sondern später bei der Reflexion der gefällten Entscheidungen und Verarbeitung der Erfahrungen (Abb. 3). An folgenden Leitfragen orientiert sich die Reflexion mit der Gruppe bzw. als Tourenführer*in:

Mit der Gruppe

  • Sind die eigenen Erwartungen erfüllt worden?
  • Waren die Entscheidungen des Tourenführers/der Tourenführerin nachvollziehbar?
  • Waren die Anweisungen klar und verständlich?
  • Hat es prägnante Situationen gegeben, Unsicherheit, Angst etc.?
  • Wie hat sich der Gruppenprozess dargestellt?

Als Tourenführer*in

  • Welche Entscheidungen habe ich getroffen, was war geplant, gab es Abweichungen von der Planung, wo, warum?
  • Was hat die Analyse von Verhältnissen, Gelände und Mensch in der Planung ergeben, welche Unterschiede habe ich auf der Tour wahrgenommen?
  • Wie haben sich diese Unterschiede auf meine Entscheidungen und Handlungen ausgewirkt?
  • Was sind meine neuen, zusätzlichen Beobachtungen, Informationen? Wie verändern diese mein Bild der Verhältnisse?
  • Hatte ich ausreichende Kompetenzen zum Führen der Tour?
  • Wie habe ich den Gruppenprozess wahrgenommen, welche Wechselwirkungen haben sich daraus ergeben – Emotionen, Entscheidungen, Handlungen?

Welche Erkenntnisse habe ich aus der Reflexion gewonnen und wie kann ich diese nutzen „fachlich – persönlich – sozial“?

Lernunterlagen

Wir haben uns bei der Integrativen Lawinenkunde für einen umfangreichen Foliensatz für den Theorieunterricht und ein Feldbuch für die Arbeit im Gelände entschieden. Das Feldbuch ist als Wendebuch konstruiert. Vorne wird die Integrative Lawinenkunde kurz beschrieben und man findet Platz für die Ausarbeitung und Nachbereitung von 10 Lehrtouren. Von hinten aufgeschlagen dient es der Schneeprofilaufnahme. Im Mittelteil finden sich noch einige leere Seiten für Notizen und Anmerkungen.

Das Feldbuch ist bei den jeweiligen Partnerverbänden und bei der BSPA ab Dezember 2020 erhältlich.

Zusammenfassung

Die Integrative Lawinenkunde ist das erste gemeinsame Projekt zur Vereinheitlichung der Schnee- und Lawinenkunde in Österreich. Die Partnerverbände sind sich darüber einig, dass eine Umsetzung in den Verbänden nicht von heute auf morgen passieren wird und man ist sich auch darüber einig, dass die Integrative Lawinenkunde nicht für jeden Kompetenzbereich gleichermaßen geeignet ist.

Gewiss wird es zahlreiche Diskussionen und Anpassungen über die nächsten Jahre geben (müssen), aber der Grundstein für eine gemeinsame Arbeitsplattform ist gesetzt. Solange die einzelnen Verbände bereit sind für Kompromisse und solange die sachlichen Argumente im Vordergrund stehen, sehen wir einer konstruktiven Zusammenarbeit auch in Zukunft positiv entgegen.

Factbox: Integrative Lawinenkunde

Koordination und Finanzierung
– Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung

Beteiligte Verbände
– Österreichischer Alpenverein
– Naturfreunde
– Österreichischer Bergführerverband
– Alpinpolizei
– Österreichischer Bergrettungsdienst (ab Winter 2020/21)

Lernunterlagen
– Foliensatz mit 100 Folien
– Feldbuch für 10 Lehrskitouren, 10 Schneeprofile und ausreichend Platz für Notizen und Anmerkungen (erhältlich bei der BSPA und den einzelnen Mitgliedsverbänden)

 

Über die Autoren

Thomas Wanner

Thomas Wanner ist Bergführer und arbeitet im Referat Bergsport des ÖAV zuständig für Ausbildung und Sicherheit.

 

 

Reinhold Pfingstner

Reinhold Pfingstner ist Bergführer, Sportwissenschafter, Univ.-Lektor und Instruktor Skitouren Ausbildungsleiter der BSPA.

 

 

 

Beitrag aus dem bergundsteigen #113 Magazin.