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Der Wesenskern des Bergsteigens

„Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.“ – Benjamin Franklin (1706-1790)

„Zu viele Menschen denken an Sicherheit statt an Chancen. Sie scheinen vor dem Leben mehr Angst zu haben als vor dem Tod.“ – James F. Byrnes (1882 -1972)

Diese zwei Zitate darf ich an den Anfang stellen. Beide sind nicht auf den Bergsport gemünzt und treffen dennoch den Wesenskern unserer liebsten Freizeitbeschäftigung. Beim Bergsteigen geht es letztlich um das Aufeinandertreffen von Mensch und Berg, um Berg und Steigen. Und diese Begegnung findet in einem Gefahrenraum statt, der nicht normiert und verfügt oder besser noch gefügig gemacht wurde. Die Auseinandersetzung mit der Gefahr, der Umgang mit ihr und die Überwindung von Ängsten stellt mit einen Wesenszug des Abenteuers Berg dar. Bergsteigen ist potenziell lebensgefährlich, der ökonomische Nutzen für den Ausübenden scheint eher fragwürdig und ist gerade deshalb vielleicht umso wertvoller, weil es zeigt, dass eine uniforme, durchgängig auf Effizienz und Schnelligkeit getrimmte Welt weder der Menschennatur noch jener der Berge entspricht. Wer sich auf die Bergnatur einlässt, wer sie verstehen und lieben will, muss das Hohelied auf die Langsamkeit singen. Das Maß des Bewegens und Erlebens bleibt der menschliche Körper und seine Seele. Technisch forcierter Highspeed und digital vermittelte Sinneswahrnehmungen gehen am Kern des Menschlichen und damit des Bergsteigens vorbei.

Was bedeutet Freiheit?

Der Mensch ist sterblich und wenn er sich dessen bewusst ist, bietet genau dieses Momentum Chancen für ein erfülltes Erleben der Welt. Wer kennt nicht die Beklemmung im Halbdunkel des kalten Morgens, wenn wir durch ächzende Gletscherbrüche steigen. Wer kennt nicht die Urangst vor dem Absturz, wenn wir auf schmalen Graten über tiefen Abgründen wandeln. Und wer kennt nicht das befreiende Gefühl, wenn die Landschaft im Licht der ersten Sonne in einen fernen Horizont zerfließt. Wir begreifen, was Freiheit heißt, nämlich Verantwortung für das Leben des Partners und die Chance bewusst zu sein, Möglichkeiten auszuloten und Ziele zu setzen.

Und diese Auseinandersetzung mit dem Gefahrenmoment des Bergsports, der Abwägung von bewusstem Risiko und Sicherheit und des Wertes der Freiheit gegenüber allzu vielen Verhaltensnormen ist ein ungeheuer spannendes Thema, mit dem sich bergundsteigen unter der redaktionellen Leitung von Peter Plattner über viele Jahre beschäftigte. Dafür ist ganz großes Lob und tiefe Anerkennung angebracht, zumal es sich bei dieser Ausgabe um die letzte unter Peters Federführung handelt. Sein Nachfolger Gebhard Bendler wird, wie es sich für einen Extrembergsteiger gehört, seinen eigenen Weg gehen. Und auch dieser wird der richtige sein. Berge sind letztlich tote Gesteinsmassen. Nur das, was wir an ihnen erleben und fühlen, zählt für uns als Berg-Steigende.

Albert Camus schrieb: „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen“, und meint damit sicher auch die Gipfel und Abgründe in unserer Seele. Wenn wir tief genug nach innen schauen, werden wir auf Abenteuer und Landschaften treffen, die weiter sind als die des Himalaya.

Über den Autor

Robert Renzler ist Berg- und Skiführer, Allroundbergsteiger mit über 1.000 Klettertouren an den großen Alpennordwänden, in den Dolomiten und im Yosemite sowie erfolgreichen Expeditionen unter anderem zum Gasherbrum II und zum Masherbrum. Robert war Gründungsmitglied des ersten Kletterweltcups, Anfang der 1990er-Jahre dessen geschäftsführender Präsident, später Präsident der UIAA Mountaineering Commission und von 2002 bis 2020 Generalsekretär des Österreichischen Alpenvereins.

Beitrag aus bergundsteigen #113. Übersicht aller Beiträge & Leseproben.

intern: Robert Renzler, bergundsteigen 113 I bergundsteigen.blog