code

*

code

„Julia Janotte DAV“ in Google eingegeben brachte 5.300 Ergebnisse in 0,49 Sekunden! Die 29 Jahre junge Mitarbeiterin im Ressort Sportentwicklung, konkret in der Sicherheitsforschung des DAV – kurz Sifo –, ist heute ein klingender Name unter jenen Experten, die zu Sicherheitsthemen im Bergsport forschen und publizieren. Die aus Baden-Württemberg stammende Master of Science hat an der Sporthochschule Köln studiert, bevor sie 2014 der Ruf in den Süden nach München ereilte. Das bedeutete auch –  näher an den Alpen. Zurückgelassen wurden Geräteturnen und Fußball, mitgenommen die Begeisterung für Bergsport, auf dem nun ganz der Fokus liegt. Privat und beruflich.

Michael Larcher (Leiter Bergsportabteilung ÖAV) im (Zoom-)Gespräch mit der Sicherheitsforscherin.

bergundsteigen: Gibt es zum Thema Sicherheit & Risiko auch einen ganz persönlichen Bezug?

Julia Janotte: Ich hatte kein persönliches lebensbedrohliches Aha-Erlebnis und auch in meinem Umfeld bin ich von schlimmen Ereignissen bisher verschont geblieben. Für mich ist es eher umgekehrt. Ich merke, dass mich meine Arbeit verändert.

Auch wenn ich nie besonders draufgängerisch unterwegs war, bin ich, seit ich bei der Sifo bin, viel risikobewusster geworden. Wenn man weiß, was passieren kann und man regelmäßig mit Unfällen konfrontiert wird, verändert das den Blickwinkel. Die Arbeit hat mich geprägt. Es ist aber nicht so, dass ich Angst habe. Es ist positiv. Ich bin heute wachsamer, vorsichtiger, bewusster bei dem, was ich mache. Ich lass mich zum Beispiel nicht mehr von jedem sichern, geb‘ nicht mehr jedem ein Grigri in die Hand und sag: „Mach mal!“

Die Sicherheitsforschung im DAV wurde 1968 gegründet. Die Herausforderungen heute sind andere als damals. Wie würdest du die Ausrichtung beschreiben?

Übergreifend geht es der Sifo darum, den Aktiven sinnvolle Empfehlungen zu geben. Empfehlungen, die sowohl wissenschaftlich fundiert als auch praxisnah sind. Materialforschung, Verhaltens- und Unfallforschung sind Pfeiler unserer Arbeit. Die Materialforschung ist heute schon sehr ausgereizt und nicht mehr der Hauptschwerpunkt. Trotzdem arbeiten wir aktiv in den Normgremien mit und schauen, wo es Verbesserungsbedarf gibt. Ganz aktuell zum Beispiel bei Selbstsicherungsautomaten in Kletterhallen. Da wurde ein Problem gemeldet, wir schauten uns das an, setzten uns mit dem TÜV in Kontakt und gaben eine interne Empfehlung heraus. Das gab den Impuls, dass nun auf europäischer Ebene eine eigene Norm angegangen wird.

Julia in Griechenland. Fotos: Archiv Janotte

Julia in Griechenland. Fotos: Archiv Janotte

Wo siehst du heute die größten Problemfelder oder – positiv formuliert – wo siehst du die größten Chancen, um einen Beitrag zur Sicherheit im Bergsport zu leisten?

Der entscheidende Ansatzpunkt ist das Verhalten. Es zieht immer mehr Menschen in die Berge. Corona hat den Trend noch verstärkt. Wir haben eine komplett andere Generation an Bergsportlern, viele sind anders sozialisiert, kommen aus Kletterhallen, Fitnessstudios und durchlaufen nicht die klassische DAV-Ausbildungsstruktur. Wie die Leute eben ticken, die heute unterwegs sind. Vieles passiert ja aus Selbstüberschätzung. Warum? Wie können wir da einen Beitrag leisten und Selbstreflexion fördern? Das wird ein wichtiger Punkt sein.

Das Internet – Fluch und Segen?

Digitalisierung und Internet sind ein riesiges Feld. Viele informieren sich über YouTube und Soziale Medien im Internet. Da ist es schon eine Herausforderung, den Menschen den Umgang mit den Risiken näherzubringen, damit sie nicht blind irgendwelchen Posts hinterherlaufen, ohne sich mit den Gefahren im Gebirge auseinanderzusetzen. Das sollte auch uns im DAV beschäftigen. Wie erreiche ich die Leute, wie vermittle ich die Themen, welche Tools werden genützt, wie komm‘ ich an die Leute ran. Es nützt zum Beispiel nichts, wenn ich ein supertolles Tool zur Risikoreduktion, Tourenplanung etc. habe, das dann aber nur Experten nutzen können.

Regeln, Verbote: Gehören Rechtsfragen auch zur Arbeit?

Ja, wir sind zwar keine Juristen und haben im DAV eine eigene Justiziarin und die Kommission Recht. Trotzdem haben wir in der Sifo immer mehr auch mit rechtlichen Aspekten zu tun. Ich vermute, auch weil sich die Mentalität der Bergsteiger geändert hat. Es fehlt oft die Akzeptanz für das Freiheit-Eigenverantwortung-Ding. Wer ist schuld an Unfällen? Führer, Trainer und Seilschaftspartner werden verklagt. Wenn wir etwas empfehlen, das dann zur „Verkehrsnorm“ werden könnte, dann müssen wir die rechtliche Seite immer auch im Blick haben. Vor einer Veröffentlichung kann manchmal die Freigabe durch unsere Rechtskommission notwendig sein.

Erfolgserlebnisse? Was ist aufgegangen in letzter Zeit, wo konnten Fortschritte erzielt werden?

Fortschritte ganz konkret gab es beim Sportklettern, bei der Sicherheit in Kletterhallen. Da ist viel vorangegangen. Zum Beispiel bei den Sicherungsgeräten, beim Umstieg auf halbautomatische Sicherungsgeräte. Da hat unsere Empfehlung sehr viel gebracht. 2015 verwendeten nur 38 % der Besucher in deutschen Kletterhallen Halbautomaten oder Autotubes, 2019 waren es 81 %. Sowas ist cool. Es gelingt uns im Bergsport nicht immer, dass eine Empfehlung so rasch angenommen wird. Es freut mich auch ganz persönlich, wenn ich zufällig Leute treffe, die mich auf unsere Arbeit ansprechen. Dass sie was von uns gelesen haben und das gut und hilfreich finden und nun auch so machen. Mir ist es schon wichtig, dass unsere Arbeit was Konkretes bringt und nicht in irgendeiner Schublade versauert.

Julia beim Sportklettern in Geyik Bairi in der Türkei.

Julia beim Sportklettern in Geyik Bairi in der Türkei.

Was deprimiert? Wo geht nichts weiter trotz Bemühungen?

Obwohl sich beim Sportklettern viel getan hat, ist es doch erschreckend, dass wir in den letzten fünf Jahren immer noch jährlich zwei schlimme Unfälle in Kletterhallen haben, aufgrund von Fehlern beim Einbinden. Dazu kommen noch Infos von einigen Beinahe-Unfällen mit diesem Muster. Trotz tausender Partnercheck-Appelle! Da sind unserer Arbeit offensichtlich Grenzen gesetzt, wenn es um solche Blackout-Fehler geht.

Aber ganz allgemein: Das ist ein schmaler Grat, auf dem wir unterwegs sind. Einerseits wollen wir den Sport sicherer machen, wir wollen aber auch nicht alles bis ins kleinste Detail vorkauen, sondern den Spielraum für eigene Entscheidungen erhalten. Wir wollen als Sifo nicht Regeln und Verbote durchdrücken.

Die Stärken eines so großen Verbandes wie des DAV sind offensichtlich, gibt es auch Schwächen?

Hauptfrust sind die stetig wachsenden Anforderungen, während wir personell nicht mitgewachsen sind. Was auch anstrengend sein kann, sind die trägen Vereinsstrukturen. Man ist an Hierarchien und Abläufe gebunden. Man hat so viele Ideen und muss doch den Ball möglichst flach halten und darf sich nicht zu viel aufladen. Manche Untersuchungen bleiben in der Schublade, weil die Power fehlt. Dann sieht man, dass uns andere im Bereich Digitalisierung und Öffentlichkeitsarbeit voraus sind –  zum Beispiel bestimmte Hersteller. Die haben bereits tolle Lernplattformen entwickelt. Bei uns gab es null Stellenzuwachs und wir haben einfach nicht die Kapazität, dass wir auf allen Kanälen präsent sind. Aber unsere Strukturen haben natürlich auch Vorteile. Zum Beispiel unsere Unabhängigkeit und unser Netzwerk mit den Sektionen und Funktionären.

Zur Wertschätzung im Verein? Kann man in einem so großen Verband mit dem Thema „Sicherheit“ sichtbar bleiben?

In der internen Wahrnehmung existieren wir, glaube ich, eher nebenbei. Man weiß, es gibt die Sifo – wir sind im Moment aber sicherlich kein vereinspolitischer Schwerpunkt. Digitalisierung und Olympia sind im Moment zentral. Aber es können ja auch nicht alle Themen immer ganz oben sein. Das Positive daran ist, dass wir sehr frei sind in dem, was wir als Arbeitsschwerpunkte angehen. Auf den Schirm kommen wir immer dann, wenn etwas passiert. Regelmäßig Wertschätzung erfahren wir vor allem von den Mitgliedern und Sektionen. Mit denen sind wir auch intensiv im Austausch, beantworten Fragen und beraten.

Die mir peinliche, weil klischeehafte Frage, wie es dir als Frau in dieser von Männern dominierten alpinen Sicherheitswelt geht, möchte ich irgendwie umschiffen. Ich frage so: Siehst du Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Herangehensweise an das Thema Sicherheit?

Nun doch kurz zum ersten Teil deiner Frage: Ich bin nun sechs Jahre in dieser Szene und mich hat noch kein Mann abgeschreckt [lacht]. Ja, hin und wieder beobachte ich auch ein Platzhirschgehabe oder das Bild, ein Sifo-Mitarbeiter muss Bergführer sein. Aber ich sehe das sehr entspannt und unter dem Strich erlebe ich keine Erschwernisse oder Einschränkungen. In der Branche muss man sich den Respekt so oder so, egal ob Mann oder Frau, erarbeiten.

Und zum zweiten Teil meiner Frage: zum Umgang mit dem Risiko ?

Wir haben Statistiken, die in manchen Bereichen den Männern ein höheres Unfallrisiko mit Todesfolge bescheinigen. Ich glaube, dass Frauen weniger zur Selbstüberschätzung neigen und sich dadurch oft auch weniger zutrauen – weniger, als sie eigentlich können. Das sage ich jetzt als Frau und als Privatperson, nicht als Forscherin. Auch finde ich Pauschalisierungen immer problematisch. Aber der Hang von Frauen zu Understatement, zu erhöhter Vorsicht, den kann man ja auch in anderen Lebensbereichen beobachten.

Fotos: Archiv Julia Janotte

Fotos: Archiv Julia Janotte

Bergsport hat so viel mit Leidenschaft, Begeisterung und Hochgefühlen zu tun. Gleichzeitig sterben dabei regelmäßig Menschen und lassen verzweifelte Menschen zurück. Wie gehst du mit dieser Diskrepanz um?

Ich war Gott sei Dank noch nie persönlich mit dem emotionalen Leid nach einem Unfall konfrontiert. Konfrontiert werde ich damit bei Unfällen im Sektionsrahmen oder wenn es um die Aufarbeitung von Unfallereignissen geht. Aber da bleibt doch eine gewisse Distanz, da wir die Sache immer rein sachlich angehen. Ich glaube, wir nehmen das Risiko in Kauf, weil die Freude am Tun, die Leidenschaft überwiegt und uns diese Gefühle näher sind als die Sorge vor einem Unfall oder die Angst vor dem Tod.

Aber nein, mit dem Sterben beim Bergsport darf man sich nicht abfinden. Auch wenn es den Traum von „Zero-Accident“ im Bergsport nie geben wird.

Wo würdest du eine Grenze ziehen für akzeptables Risiko? Kannst du diese Grenze ziehen?

Ich weiß, wie weit ich selbst gehen würde. Aber ich will die freie Entscheidung für jede und jeden. Der individuelle Spielraum ist wesentlich für den Bergsport. Es ist immer der Kontext, in dem etwas gemacht wird. Aber wenn jemand ohne Plan, ohne Vorbereitung, völlig leichtsinnig eine Sache angeht – da ist für mich die Grenze meines Verständnisses überschritten.

Wie sieht es mit der Zusammenarbeit aus? National, international? Gibt es zu viel Eigenbrötelei?

Die Grenzen sind wohl eher politischer Natur und ja, manchmal verhindern Trägheit und Strukturen eine bessere Zusammenarbeit. Trotzdem, der fachliche Austausch ist immer sehr gut, sei es mit Herstellern oder Verbänden. Es gibt auch eine Kommission Sicherheitsforschung im DAV, bestehend aus Experten, die uns bei bestimmten Projekten oder Spezialfragen unterstützen. In habe die Erfahrung gemacht, dass die wertvollsten Ideen und Produkte immer in der Diskussion zustande kommen, im Austausch verschiedener Perspektiven. Und dann ergibt sich auch immer eine Win-win-Situation. Wir haben ja alle dasselbe Ziel und sind offen für gute Ideen.

Das Interview ist im bergundsteigen #114 erschienen.