code

*

code

Klettersteigset Norm 2017

Das Klettersteigset – wie auch der Helm – ist eine persönliche Schutz-Ausrüstung (PSA), die uns vor Absturz schützt und die entsprechenden harmonisierten Normen erfüllen muss. Für Klettersteigsets gibt es seit 1. April 2017 eine „neue“ Norm. Worum es dabei geht und ob wir unsere alten Sets weiter verwenden können beantworten Peter Plattner und Walter Würtl.

Klettersteig Set Norm 2017 I bergundsteigen

PSA

Alles was uns beim Bergsteigen und Klettern vor Absturz und Verletzungen schützen soll fällt in die Kategorie „Persönliche Schutz Ausrüstung“ (PSA). Diese Produkte können nur verkauft werden, wenn sie bestimmte europaweit gültige Normen (EN) erfüllen. Diese Normen stellen nachvollziehbare Mindestanforderungen dar, welche von den Herstellern erfüllt und von externen Prüfhäusern abgenommen werden. Als Anwender haben wir mit diesen Normen eigentlich nichts zu tun und können darauf vertrauen, dass wir – eine korrekte Bedienung vorausgesetzt – „sichere“ Ausrüstung bekommen.

Deswegen kriegen wir es normalerweise nicht einmal mit, wenn es Änderungen bei einer bestimmten Norm gibt. Eine Ausnahme ist die aktuelle Norm zu den Klettersteigsets, die am 1. April 2017 rechtsgültig geworden ist. Hersteller und Medien sind teilweise intensiv darauf eingegangen, weil es mit den Klettersteigsets in der jüngeren Vergangenheit massive Probleme gegeben hat. Doch der Reihe nach.

 

Klettersteigsets: Rückruf-Historie

Im August 2012 kam es zu einem tödlichen Absturz nachdem beide (!) elastischen Arme eines genormten Klettersteigsets bei einem Sturz gerissen sind. Anwendungsfehler lag keiner vor und bald war die Ursache klar: aufgrund einer konstruktionsbedingten Schwächung der elastischen Lastarme war ein Bruch auch innerhalb der empfohlenen Gebrauchsdauer möglich. Daraufhin riefen neun Hersteller insgesamt 28 verschiedene Klettersteigsets zurück – der größte Rückruf in der Geschichte des Bergsports.

Im Februar 2013 wurden weitere Klettersteigsets vorsorglich – also ohne dass es vorausgehend einen Unfall gab – zurückgerufen. Der Grund diesmal: Tests haben gezeigt, dass die Kombination einer Reibfallbremse (die metallenen Fangstoßsdämpfer durch die das Seil gefädelt wurde) mit unelastischen Lastarmen innerhalb der empfohlenen Gebrauchsdauer zu einem Komplettversagen führen kann.

 

Was tun?

Die empfohlene Gebrauchsdauer eines Klettersteigsets variiert je nach Hersteller und Intensität der Nutzung. Wer also seit längerem ein Klettersteigset besitzt und noch nicht gecheckt hat, ob es von einem Rückruf betroffen ist, sollte dies unter  „Rückruf Klettersteigsets“ bzw. auf der Homepage des Herstellers tun oder im Bergsporthandel nachfragen. Im Zweifelsfall das Set austauschen, da Sets aus den Jahren 2012/13 ohnehin am Ende ihres Lebenszyklus sein dürften. 

Nachdem die Probleme bekannt waren, reagierten die betroffenen Hersteller umgehend und brachten – ohne dass es eine Änderung der Norm gab – verbesserte Sets auf den Markt. 

Neben den oben erwähnten Materialproblemen wurde auch immer wieder diskutiert, dass die Sets für leichtgewichtige Personen nicht geeignet sind, da bei Körpergewichten unter ca. 60 kg die Belastungen bei einem Sturz massiv ansteigen. Grund dafür ist die Konstruktion bzw. die (alten) Normvorgaben: um die Belastung auf den Körper bei einem Sturz zu reduzieren, durfte der Bandfalldämpfer (miteinander verwobenes Bandmaterial, dass bei Belastung reißverschlussartig aufzureißen beginnt) eine maximale Länge von 1,2 m haben. Des Weiteren war das Maximalgewicht eines Benutzers mit 100 kg festgelegt. Ein Wert, der inkl. Ausrüstung von einigen Klettersteiggehern überschritten wurde.

All das wurde nun in der neuen aktualisierten Norm berücksichtigt.   

Klettersteig Set Norm 2017 I bergundsteigen

Bandfalldämpfer: Bei einem Sturz wird beginnt verwobenes Bandmaterial aufzureißen und reduziert so die Belastung auf den Körper.

Neue Norm EN958 @ 2017

Im Mai 2017 wurden die ersten Sets ausgeliefert, welche diese Norm erfüllen. Für die Sets nach der „alten“ Norm (EN958@2011) gibt es keinen Rückruf o.ä. und sie können problemlos weiter verwendet werden, wenn sie von keinem Rückruf betroffen sind und innerhalb ihrer Ablagefrist (Gebrauchsdauer, siehe Gebrauchsanleitung) liegen. Im Handel können diese „alten“ Sets auch weiterhin verkauft werden, da „keine Gefahr in Verzug“ ist.

 

Die aktuelle Norm hat aber u.a. folgende Änderungen und Vorteile:

  • Der Normsturz (Fallhöhe 5 m) ins das Set wird mit einer 40 kg und einer 120 kg Masse durchgeführt, wobei der Fangstoß (die Belastung auf den Körper) maximal 3,5 kN und 6 kN (ca. 600 kg) betragen darf. [davor: nur 80 kg Masse mit max. Fangstoß von 6 kN]
  • Die Aufreiß-/Bremslänge des Bandfalldämpfers beträgt max. 2,2 m. [davor: 1,2 m]   
  • Das ganze System muss eine Festigkeit von mindestens 12 kN (ca. 1,2 t) aufweisen. [davor: 9 kN]   
  • Elastische Lastarme werden mit einem Zyklustest auf Ermüdung geprüft. [davor: ø]   
  • Nicht elastische Lastarme müssen mindestens 15 kN (ca. 1,5 t) aushalten. [davor: ø]   
  • Das Set wird auch einem Nässetest unterzogen. [davor: ø]   
Klettersteig Set Norm 2017 I bergundsteigen

In einer Prüfanlage wird das Set lt. der neuen Norm mit einer Masse von 40 und 120 kg geprüft.

Kindertaugliche Klettersteigsets

Weil sie auch für leichtgewichtige Menschen ab 40 kg geeignet sind, werden die aktuellen Sets auch als „kindertauglich“ gepriesen. Wer mit Kindern unterwegs ist, wird sich aber primär um andere Dinge Gedanken machen müssen, als um die mögliche auftretende Belastung. In der Praxis wird vermutlich kein Kind – wie in der Norm überprüft – im freien Fall in das Set donnern, sondern dem Stahlseil des Klettersteiges entlang nach unten rutschen und sich dabei mehr oder weniger verletzen. Selbes gilt übrigens auch für Erwachsene und deshalb heißt es  einen Sturz am Klettersteig unbedingt zu vermeiden!
Das Klettersteigset ist wie der Airbag beim Auto, ein „Notfallgerät“, das man hoffentlich nie braucht!

Wer mit seinem Kind unterwegs ist muss sich Gedanken machen, wie verlässlich es das Set bedienen kann und zumindest anfangs zusätzlich mit einer Seilsicherung arbeiten bzw. diese als Backup verwenden. Das setzt natürlich voraus, dass man die entsprechende Seil- und Sicherungstechnik souverän beherrscht.

Klettersteig Set Norm 2017 I bergundsteigen

Am Klettersteig gilt es einen Sturz möglichst zu vermeiden, da die Verletzungsgefahr an den Metallstiften und -bügeln groß ist.

Unfallgeschehen

Die Statistik zeigt, dass schwere Unfälle am Klettersteig geschehen, weil keine Sets verwendet bzw. diese falsch bedient werden. Mit der neuen Norm werden die Sets in erster Linie sicherer! Bis auf eine Ausnahme, werden sie aber auch etwas größer und schwerer.

 

 Alle Fotos: argonaut.pro außer eines von Edelrid