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Enorme Schneemengen, orkanartige Winde, geiler Powder, Gefahrenstufe 4 & 5, haufenweise Presse und ebenso viele Warnungen und Forderungen von zig Experten. Wir wollten wissen, wie die heurige Wintersaison für einen hauptberuflichen Berg- und Skiführer so gelaufen ist, und haben bei Roman Dirnböck nachgefragt.

Roman Dirnböck I bergundsteigen.blog

Roman Dirnböck

Du bist seit über 20 Jahren in den ganzen Alpen als Berg- und Skiführer unterwegs und hast fast jeden Winkel bei den verschiedensten Verhältnissen kennengelernt. Wie ist der Winter 2018/19 bisher für dich gelaufen?

Der Winter hat für mich im November mit einem Skilehrervorbereitungskurs begonnen, wo ich am Kitzsteinhorn drei Wochen lang täglich mit einer neuen Gruppe einen Freeridetag leite. Dort versuche ich ihnen die Risiken aufzuzeigen und wie sie damit umgehen können. Ab Mitte Dezember war ich privat und mit Kunden hauptsächlich auf Skitouren vor der Haustür unterwegs, was trotz der geringen Schneelage möglich war. Mit der „Schneekatastrophe“ war das dann umgekehrt: genug Schnee, aber zumindest zu den Spitzenzeiten sehr eingeschränkte Möglichkeiten …

Winter 2019, Pic ©dein-bergfuehrer.at I bergundsteigen.blog

Was ist deine Herangehensweise zur Beurteilung der Lawinengefahr?

In der Planung arbeite ich hauptsächlich mit „Stop or Go“, von der ich ehrlich gesagt aber vor Ort im Freien leicht abweiche. Dort lege ich dann noch mehr Wert auf die Beobachtungen im Gelände und in der Schneedecke, die sich dann gemeinsam mit einem „Bauchgefühl“ zu einer Entscheidung formen.

Wie wichtig und relevant sind die regionale Gefahrenstufe bzw. die weiteren Informationen aus dem Lawinenlagebericht für deine Beurteilung?

Grundsätzlich muss man einmal sagen, dass diese Informationen nicht überall in den Alpen gleich gut sind – aber immer besser werden. Die Gefahrenstufe und vor allem die Details aus der Schneedecke sind für mich die Basis zur Planung. Wenn sich dann meine lokalen Beobachtungen im Gelände damit nicht decken, korrigiere ich das entsprechend für mich; wenn überhaupt, dann verifiziere ich für mich meist ca. eine halbe Stufe nach oben oder unten.

Was machst du, wenn du irgendwo unterwegs bist, wo es keinen amtlichen Lagebericht gibt bzw. du diesen nicht abrufen kannst?

Wir haben Anfang der 2000er-Jahre bei einer Bergführerfortbildung mit Werner Munter seinen „Nivocheck“ – einen Fragebogen zur Einschätzung der lokalen Gefahrenstufe durch beobachtbare Kriterien – ausprobiert. Dabei ist herausgekommen, dass diese erste Einschätzung eines Fachkundigen, der sein umgebendes Gelände begutachtet, recht genau zutrifft bzw. nur gering von dem abweicht, was nach unzähligen Analysen herauskommt. 

Ich fahre damit gut und ergänze diese Methode bei Bedarf, d.h. bei neuen oder unklaren Verhältnissen, mit einem kurzen Blick in die Schneedecke und einem kleinen Blocktest.

Nun haben die Lawinenwarndienste in Österreich (und auch in der Schweiz) seit langem wieder einmal die Gefahrenstufe 4 und später auch 5 in den Nordstaubereichen ausgegeben. Was hat das für dich bzw. deine Arbeit bedeutet?

Dass ich natürlich sehr defensiv unterwegs war: ohne größere Einzugsgebiete über mir und in tieferen Lagen im Wald- und Wiesenbereich. Gute Ortskenntnis war gefragt, weil ja auch die Sichtverhältnisse oft schlecht waren. Meine Gäste waren positiv überrascht, dass man auch bei dieser Situation was machen kann, Powder war jedenfalls genug da. Ich musste nur umplanen, aber nichts absagen.

Wenn eine hohe Lawinengefahrenstufe ausgegeben wird oder ein Lawinenunfall passiert, wird in den Medien meist recht ausführlich darüber berichtet. So auch heuer, als aufgrund der erheblichen Neuschneemengen und der teilweise orkanartigen Windgeschwindigkeiten die Gefahrenstufe in den Nordstaulagen anstieg und viele Medien das Bild von einer flächendeckend „extremen Katastrophenlage“ usw. kommunizierten. Erhöht das den Druck auf dich, wenn du mit Kunden unterwegs bist, oder ist das ein Vorteil, weil defensive Entscheidungen oder eine Absage problemlos akzeptiert werden?

Da ich hauptsächlich mit Privatgästen unterwegs bin, erlebe ich das vielleicht etwas anders, weil man sich ja gut kennt. Defensive Entscheidungen und wenn notwendig auch Absagen sind für mich und meine Kunden kein Problem, sondern ein Muss – und das wird nicht nur akzeptiert, sondern honoriert.

Ich bleibe noch bei der aktuellen Berichterstattung, in der sich in den vergangenen Wochen von Tag zu Tag mehr Experten zu Wort gemeldet haben. Nun bist du in diesem Metier ebenso Experte und Profi und eigentlich müssten sich eure Sichtweisen und Einschätzungen ja decken?

Zu den Spitzenzeiten deckte sich meine Einschätzung grundsätzlich schon mit den Aussagen und Beurteilungen der Experten, die in den Medien aufgetreten oder zitiert worden sind. Die Berichterstattung in der Tagespresse ist für die Masse gemacht, und hier wird natürlich jede Warnung eines Experten fett hervorgehoben und prominent präsentiert. Leider auch dann, wenn diese von Menschen kommen, die ich nicht unbedingt als Experte bezeichnen würde … Letztendlich hat das heuer das Thema übermäßig angeheizt. Was mir dann gefehlt hat, war, dass die schnelle Entspannung der Situation wenig bis gar nicht kommuniziert wurde.

Eine Frage an dich als Bergretter: Wie kommt es bei dir an, wenn trotz zahlreicher und eindringlicher Warnungen, den gesicherten Skiraum nicht zu verlassen, trotzdem jemand ins freie Gelände fährt und dann einen Einsatz auslöst?

Es ist völlig egal „warum“!!! Es ist die Aufgabe der Bergrettung, in Not Geratenen und Verletzten zu helfen bzw. sie zu bergen – und das tun wir gerne. 

Dabei gehen wir selbstverständlich nicht hirnlos vor, sondern die Risiken und Chancen eines Einsatzes werden immer genau abgewogen, bevor es zu einer Entscheidung kommt. Sobald dieses Risiko bzw. die Gefahr für die Retter steigen, wird der Einsatz unterbrochen – und gewartet, bis sich die Verhältnisse bzw. die Situation besseren – oder er muss abgebrochen werden.

Mich würde deine Meinung zu zwei Standpunkten interessieren, die immer wieder angeführt werden: Dass erstens Bergretter im Einsatz ihr Leben riskieren, um anderen zu helfen, und zweitens diese Personen ohne Verständnis und so hart als möglich bestraft werden sollen. 

Es gibt einen Grundsatz bei der Bergrettung: „Das Leben der BergretterInnen geht vor.“ Wir sind keine Helden! Zum Zweiten: Unsere Aufgabe ist es zu helfen und nicht zu urteilen oder Strafen zu fordern, das machen die Gerichte.

Und noch ein offenes Wort: Ich denke jeder Bergbegeisterte ist in seiner Karriere durch unvorhersehbare Umstände bis hin zum Eigenverschulden schon einmal in eine unangenehme Situation geraten, in der er Hilfe gebraucht hat. Also, der werfe den ersten Stein.

Dein Tipp an uns Skitourengeher und Freeriderinnen, um – egal ob Gefahrenstufe 1, 2, 3, 4 oder 5 – wieder heil ins Tal zu kommen?

Eine fundierte Ausbildung ist für mich die Basis, und dann: gut planen, immer einen Plan B in der Tasche, wenn notwendig zurückstecken sowie im Gelände als Gruppe immer gut zusammenarbeiten. Und vor allem danach alles offen ansprechen und reflektieren – nur so lernt man dazu.

Und was rätst du allen Bergführerinnen und Tourenleitern, die hauptberuflich oder ehrenamtlich Verantwortung für andere übernehmen?

Tauscht euch so viel wie möglich vor Ort mit den Kollegen über die Verhältnisse aus. Das hilft und bringt euch viel weiter, als wenn ihr nur im eigenen Süppchen kocht.

Diesen Winter sind außergewöhnlich viele Schneemäuler aufgegangen und das Gleitschneeproblem wird uns noch lange begleiten. Wie gehst du damit um?

Das muss man diesen Winter natürlich explizit in die Planung miteinbeziehen und solche Bereiche meide oder umgehe ich. Dazu sind wie gehabt eine gute Ortskenntnis und die täglichen Beobachtungen enorm wichtig. Und auch hier wieder der Austausch mit ortskundigen Kollegen.

Das Gespräch führte Peter Plattner.

Roman Dirnböck lebt in Kaprun, hat vor mehr als 20 Jahren die Ausbildung zum Berg- und Skiführer sowie zum Skilehrer abgeschlossen und arbeitet seitdem hauptberuflich in den Bergen. Ob als Privatbergführer seines Unternehmens dein-bergfuehrer.at oder als Ausbilder im Bergrettungsdienst ist Roman über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt und genießt einen hervorragenden Ruf als erfahrener und kompetenter Profi. Es gibt in den Alpen wohl kaum eine Gegend, in der er im Winter noch nicht seine Spuren hinterlassen hat, und er ist einer der Wenigen, die alle 4.000er der Alpen bestiegen haben – Roman als Bergführer mit Kunden wohlgemerkt.