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Nachgefragt bei Stefan Gatt

Stefan Gatt I bergundsteigen.blog
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Fotos: argonaut.pro

In seinem Beitrag „Gletschereis statt tropisch heiß“ gibt der Bergführer und Coach Stefan Gatt Einblick in seinen Zugang zum Thema „Klimawandel und Bergsteigen“. Bergsteigerinnen sind nichts anderes als ein Spiegel der Gesellschaft – wobei für sie die Natur not- wendige Kulisse, Spielplatz, Sportgerät, Erholungsraum oder was auch immer ist. Es darf also davon ausgegangen werden, dass diese Menschen (das wären dann wir) mit offenen Augen durch die Welt gehen und allfällige Veränderungen wahrnehmen.
Doch auch in unserer Community – so- fern es diese gibt – werden diese Veränderungen unterschiedlich dramatisch empfunden. Dementsprechend reichen die Gefühlslagen auch von Weltuntergangsstimmung und „eh alles zu spät“ bis hin zu Gelassenheit und „hat es immer schon gegeben“.
bergundsteigen ist wohl kaum das geeignete Medium, um in der Diskussion um den Klimawandel bzw. um die Klimakrise Fakten zu schaffen. Andererseits geht es bei uns um „Menschen• Berge•Unsicherheit“ und da ist tatsächlich nicht ganz klar, wie das Ganze weitergeht und ob die möglichen Bedrohungen, Konsequenzen u.U. oder sicher (je nach Überzeugung) für unsere „Leidenschaft Berg“ relevanter sind als die Diskussion um Polyamid- oder Polyethylen-Bandschlingen – da passt das Thema dann schon.
Deswegen wollen wir den Beitrag und das Engagement von Stefan nicht so stehen lassen, sondern haben die Ökologin Christina Schwann gebeten nachzufragen.

Du veranstaltest nach wie vor Bergreisen in Europa und zu den Bergen der Welt. Wie lässt sich das mit deinem Engagement vereinbaren?

Bis vor einigen Wochen hat das noch gestimmt. Ich war mit meinen Expeditionen in Asien und in Südamerika bis nach Patagonien unterwegs. Mitte August habe ich entschieden, dass ich meine Touren in die Berge der Welt leider auf unbestimmte Zeit verschieben möchte … Touren im Himalaya sind zwar auch mit der Transsibirischen Eisenbahn möglich, aber natürlich dadurch zeitaufwändiger. Ich kann mir vorstellen, „slow travel“ zu praktizieren, meine TeilnehmerInnen wahrscheinlich nicht; ich werde das auf jeden Fall mit meiner Frau machen. Bei einigen Angeboten in Europa habe ich mir Folgendes überlegt: Wer mit dem Zug anreist, etwa zum Mont Blanc, der zahlt bei mir um 10 % weniger, d.h. ich möchte die ökologische Variante kostenattraktiver gestalten.

Ist es nicht recht optimistisch, diese Reisen „auf unbestimmte Zeit“ zu verschieben – weißt du etwas, das wir nicht wissen? 

Nein, leider nicht, aber ich denke mir, dass Wasserstoffantrieb auch in der Flugzeugindustrie möglich wäre, wenn es einen Willen oder eine gesetzliche Notwendigkeit dafür gibt. Es handelt sich dabei aber nur um meine laienhafte Hoffnung, keinesfalls um faktisches Wissen. Leider braucht die Wasserstoffherstellung sehr viel Energie, aber wer weiß, wie sich alles entwickelt? Solarpaneele auf den Freiflächen rund um Flughäfen, auf jedem Dach usw. …

Was ich aber weiß, ist, dass es sehr viele intelligente Köpfe auf dieser Erde gibt und wenn wir alle wirklich wollen, können wir auch in sehr kurzer Zeit gemeinsam zu öko- logischen Lösungen kommen, die wir uns jetzt noch nicht einmal vorstellen können.

Du warst in den letzten Jahrzehnten auf den Bergen der Welt unterwegs, hast alles gesehen, bist mit dem Snowboard vom Everest gefahren und hast als Anbieter und mit deinen Fotos Geld verdient. Ist es nicht etwas vermessen, an- deren jetzt ein schlechtes Gewissen ein- zureden, für etwas, das du jahrelang ge-nossen hast?

Ja, diese Kritik kann ich nachvollziehen und die muss ich mir auch gefallen lassen. Ich wusste es schlicht nicht besser. Heute allerdings weiß ich es und deswegen entscheide ich mich bewusst für einen neuen Zugang zu dem Thema. Es liegt mir aber fern, jemandem etwas zu verbieten! Jeder hat seine persönliche Freiheit und jeder sollte für sich überlegen und bewusst entscheiden, was er oder sie tut. Moralisieren ist nicht mein Ding. Im Buddhismus gibt es drei Geisteshaltungen, die Schwierigkeiten und Leiden erzeugen: „wollen“ gleichzusetzen mit Gier, „nicht wollen“ gleichzusetzen mit Aggression und „nicht wissen wollen“ gleichzusetzen mit Ignoranz – und jetzt wissen wir, dass wir genau aufgrund dieser drei unbewussten inneren Haltungen auf dem besten Wege sind, unseren Planeten so richtig zu versauen. Die wissenschaftliche Faktenlage ist erdrückend und es kann keiner mehr sagen:

„Das habe ich nicht gewusst!“

Jetzt habe ich zum ersten Mal die Hoffnung, dass sich etwas tut, bzw. geht es gar nicht mehr anders; zumindest nicht für mich, denn ich kann – mit dem Wissen im Hintergrund – ein klimaschädliches Verhalten für mich nicht mehr auf diese Art und Weise verantworten. Ich freue mich über jeden, den ich überzeugen kann und der es auch so sieht! Ich bin aber kein Kampfklimaschützer – ich rede natürlich auch mit Leuten, die noch immer fliegen. Wenn, dann muss man die Menschen im Herzen berühren.

OK, ganz konkret: Was kann ich als Alpen-Bergsteigerin tun, um weiterhin meinem Hobby oder Beruf nachzugehen und dabei meinen ökologischen Fußabdruck möglichst gering zu halten? 

Nachdem das Thema extrem komplex ist, ganz einfach gesprochen: Mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen, wo es geht, Fahr- gemeinschaften bilden, weniger Fleisch essen und wenn möglich, nicht fliegen. Z.B. nicht für eine Woche nach Kalymnos zum Klettern fliegen, sondern stattdessen eine Woche an den Gardasee, Korsika oder ins Elbsandstein fahren – alle miteinander in einem Auto versteht sich. Sich überlegen, länger zu bleiben, sich ausreichend Zeit nehmen! Selbst Klimaforscherin Kromp-Kolb sagt: „Wenn man fliegt, dann wirklich wohin, wo es ganz anders ist als bei uns und dann auch wirklich viel länger bleiben.“

Aber ziehst du das konsequent durch bzw. akzeptieren das deine Familie und Kunden?

Bei den Kunden weiß ich es noch nicht, ich lebe es einfach, nicht zuletzt, weil „walk your talk“ ein Grundsatz für mich ist. Meine Familie zieht mit. Meine ältere Tochter lebt seit dem Frühjahr vegan und will mir gerade die Milch vom Biobauern ausreden, aber das wird ihr nicht gelingen. Ich denke, bis vor einem Jahr war ich in dieser Sache so etwas wie ein Vorbild für meine Kinder, aber durch die „Fridays for Future“-Aktionen sind meine Kinder selbst sehr engagiert. 

Als ich die Aktionen von Greta Thunberg erstmals mitbekommen habe, hat das meine Hoffnung gestärkt. Ich finde herausragend, was sie macht und wie sie es macht. Durch ihr Aufstehen bewegt sie viele Menschen. Ich finde das gut, auch wenn es starken Gegenwind und Kritik an ihr gibt. Sie macht das, wovon sie redet und damit be- rührt sie vor allem junge Menschen massiv. Sie stehen auf, stehen zusammen und sagen: „So nicht mehr“!

Was müsste getan werden, um die Ak- zeptanz für deine Vorschläge zu erhöhen? 

Damit sich wirklich etwas verändert, muss man die Herzen berühren. Es braucht Verständnis und Mitgefühl für andere Menschen, Tiere, Pflanzen und unseren Planeten und ein tiefes Bewusstsein, dass wir unseren Lebensstil zum Wohle aller verändern müssen. Wenn ich mich wirklich traue, zu spüren, wie traurig und schmerzhaft es ist, dass Lebewesen und Pflanzen aufgrund unseres Lebenswandels aussterben, Menschen hier und in anderen Ländern bereits unter dem Klimawandel leiden und Mutter Erde weiterhin massiv ausgebeutet wird, ist es der erste Schritt. Wenn ich dann noch mutig genug bin, hinzuschauen, was ich dazu beitrage, dann ist schon eine entscheidende Basis für Veränderung gesetzt. 

Veränderung und Bewusstseinsbildung brauchen aber auch Zeit: manche Meschen sind schon sehr bewusst, manche werden es nie verstehen. Je mehr die Medien darüber berichten, je mehr die Klimakrise spürbar wird, desto mehr wird sich hoffentlich in den Köpfen der Menschen tun. Vor allem, wenn sich im Nachbarbereich etwas ändert, wenn Gleichgesinnte und Freunde Maßnahmen setzen, dann werden immer mehr mitziehen. Ich glaube, dass es einerseits persönliches Engagement braucht, seinen eigenen Lebensstil zu verändern, sich mit anderen zu dem Thema auszutauschen – auch ganz viel mit kritischen Menschen über ihre Beweggründe zu sprechen – und andererseits konkrete politische Maßnahmen zu setzen, damit sich etwas verändert. 

Auch mit „Belohnung“ kann ein Umdenken forciert werden – etwa mit den erwähnten 10 % Ermäßigung für die öffentliche Anreise bei einigen meiner Angebote. Wer sich bemüht, sollte Wertschätzung und Anerkennung ernten.

Und was kann eure Petition „Climbers for future“ dazu beitragen?

Wir möchten mindestens 200.000 Unterschriften zusammen bekommen, denn dann wird man von der österreichischen Regierung wahrgenommen, wird ins Kanzleramt eingeladen und kann dort vorsprechen – sprich wir können unsere sechs Forderungen vorbringen. Je mehr Unterschriften, desto besser!

Die Realität ist doch, dass es für viele Bergsportler das höchste Ziel ist, mit dem ausgebauten VW-Bus durch die Alpen zu gondeln, die Freiheit auf vier Rädern zu leben und auf den sozialen Medien ausführlich darüber zu berichten. 

Ich glaub schon, dass das für viele wichtig ist. Aber, wenn ich mir das erlaube, kann ich dafür auf etwas anderes verzichten? Ich kann mich jeden Tag entscheiden: Fahr ich mit dem Rad zur Arbeit, nehme ich die Bahn, gehe ich zu Fuß? Verzichte ich heuer auf Kalymnos und fahre dafür mit dem VW-Bus zum Gardasee? Das Bedürfnis nach Abenteuer ist in uns: Sonnenuntergang, Lagerfeuer und ja – am besten noch den selbst gefangenen Fisch grillen. Es gilt nun aber, unser Tun zu hinterfragen: Vielleicht kann man nämlich auch einfach mit dem Rad unterwegs sein, mit Packtaschen links und rechts … raus aus der Bequemlichkeit, nicht wissen, was kommt, was einen erwartet. 

Es ist nicht nur schwarz-weiß – weiterhin fliegen oder überhaupt nicht mehr fliegen-, sondern es gilt, sich jeden Tag überlegt und bewusst zu entscheiden.

Glaubst du, dass eine Image- und Verhaltensänderung durch kompetitive Apps – wer spart am meisten CO2 ein – und entsprechendes Posten auf Facebook & Co. dazu beitragen könnte?

Ja, das glaube ich schon. Das Spielerische, das Kompetitive ist ein Anreiz und könnte auch ein wenig steuern. Man kann klima- neutrales Handeln positiv besetzen. Ähnlich wie in der Sportkletterethik zum Thema Bohrhaken. Anerkennung bekommt derjenige, der besonders viele Kilometer mit dem Rad gefahren ist und dafür das Auto stehen gelassen hat. Oder die, die die besten Tipps für Zug- und Fährverbindungen hat, etc. 

Gerade das jüngere Publikum spricht man da- mit sicher an. Das Wichtigste dabei ist: man fühlt sich nicht alleine mit seinem Verzicht und als der/die Dumme damit, sondern es gibt auch andere, die verzichten und es kann sogar noch Spaß machen!

Naja, aber ob wir kleines Bergsteiger- Grüppchen etwas machen oder nicht, ist doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wenn sich das globale Verhalten nicht ändert, sich die Klimabrisanz evtl. gar nicht bestätigt und technische Innovationen kommen, dann können wir doch gleich weitermachen wie bisher. Vor allem kaufe ich eh nur Merino-T- Shirts!

Unser Handeln hat global gesehen kaum einen Impact. Ein Tropfen auf dem heißen Stein – aber: wenn es viele verschiedene Tropfen sind, dann erzielen wir einen Effekt. Trotzdem handeln wir aufgrund des Verhaltens unseres Nachbarn: wir schauen uns das an und machen es nach. Das heißt, ohne die eigene Veränderung werden wir gar nichts verändern. Mit unserer – anfangs kleinen – Veränderung ändern wir das System, ändern wir die Politik. Und das Wichtigste dabei ist, dass wir alle aus unserer Hoffnungslosigkeit und Resignation rauskommen. Indem ich mich für ein neues Verhalten entscheide, fühle ich mich selbstwirksam und habe da- durch eine gefühlt bessere Lebensqualität. Zudem wissen wir alle, wie eine kleine Mücke im Zelt uns das Leben in der Nacht ganz schön schwer machen kann. Auch Kleines kann Großes bewirken.

Abgesehen davon: ich brauche als Bergsteiger nicht jedes Jahr die neueste Ausrüstung, das aktuellste Material. Was das betrifft: ich kaufe Hochwertiges, verwende langfristig und repariere, wenn etwas kaputt ist. Immerhin ist es heute auch durchaus „in“, mit geflickter Kleidung herumzulaufen.

Bergführeridol Walter F. hat neulich plausibel erklärt, dass im Gasthaus Kartenspielen – egal von welcher Seite auch immer betrachtet – das Beste für den Planeten wäre. Sollten wir bei geringstem Zweifel in Zukunft besser zum Wirten gehen?

Ja, ein bisschen Recht hat er damit schon. Für die Natur wäre es das Beste, wenn wir uns nicht mehr so achtlos und ausbeuterisch in ihr bewegen würden. Aber wir brauchen die Natur, weil sie uns erdet und uns zurück zu unseren Wurzeln bringt. Also das gelingt mir so im Gasthaus nicht (lacht). Ich glaube einfach, dass wir einen achtsameren und bewussteren Umgang mit der Natur entwickeln dürfen.

Deine Hoffnung, wie sich Bergsteiger und der Bergsport entwickeln wird?

In eine natürliche, bewusste, mit Mutter Erde liebevolle umgehende Art und Weise. Der Berg sollte weniger als Bergsportgerät betrachtet werden, sondern vielmehr sollte man in Verbindung mit der Umwelt treten. Weg von der reinen Leistungsorientierung – natürlich, Kletterer, die irgendwo in einer 9a unterwegs sind, faszinieren mich auch -, hin zu einer bewussten, respektvollen Verbindung mit der Bergnatur. Das bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen, für das, wo wir unterwegs sind.

Der Faktor Zeit sollte bewusst eingeplant werden als etwas, das zur Entschleunigung beiträgt. Damit kann man die Bequemlichkeit einer Zugfahrt genießen, die Qualität der langen Anreise als „slow travel“ schätzen lernen. Es sollte nicht länger heißen „ich kann es mir leisten für fünf Tage nach Japan powdern zu fliegen“, sondern „ich kann es mir leisten, mir die Zeit zu nehmen, von zu Hause aus zu Fuß zu starten“, oder „ich bin eine Woche auf der Darmstädter Hütte und gehe powdern“ und das vielleicht sogar alleine mit Freunden.

Und das würde was ändern?

Steter Tropfen höhlt den Stein – ich werde auf jeden Fall mit meinem Verhalten andere Menschen dazu anregen, ihr Verhalten zu reflektieren. 

Ich werde darüber mit anderen Liebhabern und Liebhaberinnen der Berge und der Natur ins Gespräch kommen. 

Ich entscheide mich für einen bewussten Umgang mit meinen Ressourcen, mit meinen Mitmenschen. 

Ich leiste einen kleinen, minimalen Beitrag dazu, dass die Katastrophe doch noch ab-gewendet werden kann. 

Ich fühle mich damit selbstwirksam. Ich möchte die Verantwortung wahrnehmen – mir, meinen Kindern und dem Planeten zuliebe – und ich möchte später sagen können, ich habe aktiv etwas getan.