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Nachgefragt beim Lawinenwarndienst Steiermark

 

Arno Studeregger Lawinenwarndienst Steiermark I bergundsteigenblog

Arno Studeregger vom Lawinenwarndienst Steiermark

Arno Studeregger ist als Lawinenprognostiker bei der ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) in Graz tätig und gerichtlich beeideter Sachverständiger für Schnee- und Lawinenkunde.

Alle reden von der höchsten Lawinengefahrenstufe 5 „sehr gross“, in der Steiermark wurde sie für die Nacht vom 8. auf den 9. Januar 2019 ausgegeben. Wir haben bei Dr. Arnold Studeregger vom Lawinenwarndienst Steiermark nachgefragt.

 

Der steirische Lawinenlagebericht für Mittwoch den 9.1.2019, herausgegeben vom LWD-Steiermark I bergundsteigen.blog

Der steirische Lawinenlagebericht für Mittwoch, den 9.1.2019, herausgegeben vom LWD-Steiermark

Was hat dazu geführt, dass ihr gestern Nachmittag die höchste Lawinengefahrenstufe 5 ausgegeben habt?

Grund war die enorme Neuschneemenge, die wir erwartet haben und die jetzt auch eingetroffen ist: Innerhalb von 24 Stunden haben wir Schneepegel von tw. 70 cm inkl. Setzung gemessen, das bedeutet, dass es in den Hochlagen etwa einen Meter Neuschnee gegeben hat. 

Die europäische Lawinengefahrenskala (2018/19) definiert einheitlich die Schneedeckenstabilität und Auslösewahrscheinlichkeit der fünf Gefahrenstzufen. I bergundsteigen.blog

Die europäische Lawinengefahrenskala (2018/19) definiert einheitlich die Schneedeckenstabilität und Auslösewahrscheinlichkeit der fünf Gefahrenstufen.

Was bedeutet Stufe 5, also „sehr grosse“ Lawinengefahr?

Per Definition der europäischen Lawinengefahrenskala bedeutet Gefahrenstufe 5, dass die Schneedecke allgemein schwach verfestigt und weitgehend instabil ist und spontan – also ohne weitere Zusatzbelastung durch menschliches Dazutun – viele sehr große und mehrfach auch extrem große Lawinen zu erwarten sind, auch in mäßig steilem Gelände, d.h. unter 30 Grad.

Für die Arbeit der örtlichen Lawinenkommissionen, welche die Behörden beraten und Maßnahmen wie Lawinensperren, Evakuierungen usw. empfehlen, bedeutet das, dass sie weiterhin wie gewohnt gefahrenstufenunabhängig ihre Arbeit machen – denn eine Straße kann auch bei Gefahrenstufe 3 verschüttet werden. Allerdings kann es ihre Arbeit erleichtern, wenn der amtliche Lawinenlagebericht ihre angespannte Situation vor Ort bestätigt. So wurden von den Behörden dann weitere Straßen gesperrt und auch einige Häuser mussten evakuiert werden, aber das läuft über die Gemeinden und ist nicht unsere Aufgabe. Wir bekommen natürlich Rückmeldungen und auch entsprechende Protokolle und stehen für Nachfragen zur Verfügung.

Für den Wintersportler bedeutet die aktuelle Stufe 5 bei uns, dass Tourengebiete aufgrund der Straßensperren kaum bzw. nur schwer zu erreichen sind, dass bei einem Sturz in den tiefen Neuschnee Erstickungsgefahr herrscht – gestern hat es einen solchen tödlichen Unfall gegeben – und dass es kaum möglich ist zu spuren und auch abzufahren; und dann wäre da noch das nicht zu unterschätzende Lawinenrisiko …

In den vergangenen Tagen wurde medial – durchaus auch von Fachleuten – die Situation bei Gefahrenstufe 4 als extrem dargestellt und ein möglicher Anstieg auf Stufe 5 mit einer Katastrophensituation angekündigt. Natürlich hat man dann sofort Bilder von dem Lawinenereignis in Galtür bzw. Valzur im Februar 1999 im Kopf, bei dem fast 40 Menschen den Tod fanden. Habt ihr in der Steiermark gerade eine ähnliche Situation, bei der Menschen in Siedlungsräumen massiv bedroht sind?

Diese Frage bekomme ich gerade öfter gestellt. Zwischen damals und heute liegen 20 Jahre, in denen viel geschehen ist, und deswegen kann man dieses Ereignis nicht mehr vergleichen. Die Lawinenwarnung, die Schutzmaßnahmen und auch die Kommunikationsstruktur hat sich inzwischen weiterentwickelt und verbessert.

Im eurem aktuellen Lagebericht gebt ihr als Lawinenprobleme „Triebschnee“ und „Altschnee“ an, aber nicht „Neuschnee“?

Stimmt, aber das darf man nicht zu eng sehen. Wenn wir bei den Pegelmessungen unserer Messstellen von „Neuschneesummen“ sprechen, dann wird der windverfrachtete Triebschnee mitgemessen. Momentan haben wir stellenweise orkanartige Windgeschwindigkeiten von über 100 km/h – unsere Messstationen sind tatsächlich am Limit –, und der Neuschnee wird entsprechend verfrachtet. Ob nun Neu- oder Triebschnee: es hat einfach enorme Schneemengen.

Ein Altschneeproblem haben wir speziell im Grenzgebiet zu Kärnten, wo Schwachschichten aus kantigen Kristallformen vorhanden sind, die auch von den Wintersportlern durch Wumm-Geräusche wahrgenommen werden; dort haben wir Gefahrenstufe 3 und 2 ausgegeben. 

Wie wird sich die Situation aus heutiger Sicht weiter entwickeln?

In den exponierten Lagen rechnen wir bis morgen Abend nochmals mit etwa derselben Neuschneemenge von einem Meter, wodurch auch „sehr große“ Lawinen zu erwarten sind, und wir werden bei der Lawinen-Gefahrenstufe 5 zumindest bis Donnerstagabend oder Freitagfrüh bleiben. 

Am Freitag erwarten wir dann nachlassenden Schneefall und ein besseres Wetterfenster, was zu einer zwischenzeitlichen Entspannung der Situation führen kann. Wie es danach weitergeht, kann noch nicht klar prognostiziert werden.

Was ist eigentlich eure Aufgabe  bzw. die Aufgabe eines Lawinenwarndienstes: „nur“ einen sachlichen, faktenbasierten Lawinenlagebericht nach der Informationspyramide (Gefahrenstufe, -quellen, -stellen …) zu erstellen, der dann als weitere Grundlage für Entscheidungen dient, oder auch die Allgemeinheit darauf hinzuweisen, dass z.B. Straßensperren drohen bzw. den Wintersportlern zu sagen, wann sie die Piste verlassen können und wann nicht?

Unser Auftrag ist ganz klar die Erstellung des Lageberichtes bzw. der Gefahrenprognose. Weitere Entscheidungen bezüglich Verkehrswege, Häuser, Pisten usw. treffen die Lawinenkommissionen, und der Wintersportler muss im freien Gelände ohnehin immer selbst und eigenverantwortlich seine Entscheidungen fällen. 

Im Lagebericht weisen wir maximal darauf hin, dass eine entsprechende Erfahrung in der Beurteilung notwendig ist und auf Anfrage geben wir auch weitere Infos, aktuell eben die Gefahr vor dem Ersticken in den Schneemassen und auch vor herabfallenden Ästen und umfallenden Bäumen im Wald aufgrund der Schneelasten – aber das schreiben wir nicht in den Lagebericht und wir nehmen auch niemandem (s)eine Entscheidung ab.

Außer Gefahrenstufe 1 „gering“ sind in der Steiermark heute gebietsweise alle Gefahrenstufen vertreten, wie erklärt sich diese Bandbreite?

Durch das Nord-Süd-Gefälle bei einer Nordstau-Lage: im Norden gibt es dann massive Schneemengen und im Süden weniger. Allerdings hat es dort dafür – wie zuvor erwähnt – aktuell ein Altschneeproblem, das bekanntlich mehr als ausreicht, um einen Tourengeher zu verschütten, auch bei einer vermeintlich geringen Gefahrenstufe. 

Was wünschst du dir für den weiteren Winterverlauf?

Eine kompakte Schneedecke und dann tolle Firnverhältnisse!
Ideal wäre jetzt eine langsame Erwärmung und Setzung der Schneedecke.