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Vivian Bruchez erreiche ich per Videocall – mitten im französischen Lockdown im April 2020. Von seinem Wohnort aus darf man sich dort maximal 1 Kilometer weit entfernen. Das Wetter ist seit drei Wochen schön, es liegt Schnee. Mit Vivian ins Gespräch zu kommen, war einfach. Über Social Media angeschrieben und schon hatten wir einen Termin. Wie derzeit jeder reden wir erst über die Corona-Situation, kommen aber schnell zum eigentlichen Thema unseres Austausches: Steilwandskifahren. In diesem Metier ist Vivian aktuell tonangebend. Wer dachte, dass es keine neuen und vor allem auch schöne Abfahrten in den Alpen mehr gibt, dem zeigt der Franzose, dass noch viel zu holen ist. Insbesondere fällt auf, dass er seine Ausflüge stets medial gut aufbereitet mitteilt. Seine Filme erreichen ein großes Publikum und zuletzt veröffentlichte l’Équipe ein aufwendiges Onlineprojekt. Auf Social Media erhalten seine Posts hunderte Kommentare, Likes oder Herzchen. Ganz offensichtlich ist er momentan das oder zumindest ein wichtiges Gesicht des Steilwandskifahrens.

Interview: Bernhard Scholz

Vivian Bruchez. Foto: Mathis Dumas

Vivian Bruchez. Foto: Mathis Dumas

Wo kommst du her?

Ich habe meine Wurzeln in Chamonix! Ich bin hier geboren und lebe in Chamonix. Meine Familie stammt aus Chamonix, und soweit ich weiß, haben meine Vorfahren bereits im 17. Jahrhundert hier gelebt. Ich bin unter gewaltigen Gipfeln hier groß geworden.

Wie war es, dort aufzuwachsen?

In Chamonix aufzuwachsen bedeutete für mich, dass ich viel Abfahrtsski gefahren bin. Viele Rennen. Und ich habe sehr gute Erinnerungen an diese Zeit, weil wir hier in einem richtigen Team waren. Wir standen uns alle sehr nahe und das hält bis heute an. Von Anfang an bis heute waren immer die gleichen Leute in dieser Gruppe. Und es ist kurios, weil wir als Kinder sehr gut in alpinen Skiwettbewerben waren, aber keiner von uns es bis zum Weltcup geschafft hat, oder nur ein oder zwei von uns. Aber die meisten von uns haben bei der Freeride Wold Tour im Skifahren oder im Snowboarden gewonnen. Wir sind zu Bergsteigern und Alpinisten auf sehr hohem Niveau geworden. Unsere Ausbildung, unser Klassenzimmer, war der Abfahrtsskilauf. Aber nach der Zeit dort, während wir in Chamonix aufwuchsen und von den hohen Bergen hier inspiriert wurden, kam sehr schnell eine Vielfalt von Disziplinen hinzu. Es war also gut, zunächst gegen die Stoppuhr anzutreten – aber danach wollten wir alle in den Bergen, wo wir mehr Freiheit fanden, etwas Anderes tun. Und ich glaube, dass dies eher der Weg der Kinder aus Chamonix ist. Am Anfang gegeneinander antreten und dann in den Bergen die Freiheit suchen.

Hast du eine Erklärung dafür?

Ich kann nur für mich selbst sprechen, aber das kam ganz von selbst. Ältere Freunde und auch die vorhergehenden Generationen waren unsere Inspiration. Wir schauten zu ihnen auf, wie sie mit uns in der Gondel der Aiguille de Midi fuhren. Da oben haben die Berge dann eine andere Dimension und sie kannten sich aus.

Als Kinder sind wir die meiste Zeit im Stangenwald auf den Skipisten im Tal geblieben. Das ist wie eingezäunt sein. Aber dann, ganz klar, wenn man erwachsen wird, möchte man über die Grenzen der Skipisten hinausgehen, höher! Und man möchte von den Gipfeln der Berge aus abfahren. Und genau hier haben wir diese Möglichkeit, wir können nach oben. Ich kenne und verstehe die Unterschiede zwischen Kindern aus Chamonix und aus anderen Skigebieten. Wir kommen sehr leicht ins Hochgebirge, fahren auf Gletschern Ski und haben sehr technisches und anspruchsvolles Skibergsteigen direkt vor unserer Haustür. Andere müssen dafür weit reisen. An einem normalen Skitag abseits der Piste in Chamonix hat man 30-50 Meter Seil im Rucksack, einen Helm, einen Eispickel, Eisschrauben, eine Menge Ausrüstung. Wenn man woanders Skifahren oder Freeriden geht, z.B. in den Dolomiten, braucht man das alles meistens gar nicht. Als Kind aus Chamonix ist man also von Anfang an dabei im alpinistischen Spiel.

Wann hast du begonnen, Skifahren und Bergsteigen zu kombinieren?

Exakt als ich 18 Jahre alt war. Ich nahm noch an Abfahrtswettkämpfen teil, aber die hohen Berge hier haben mich inspiriert. Als ich am Ende meiner Karriere im alpinen Skisport stand, hatte ich mehrere Wahlmöglichkeiten. An Freeride- oder Skicross-Wettkämpfen teilzunehmen etwa und genau das versuchte ich ein Jahr lang. Aber ich war motiviert, etwas Steiles mit Skiern zu befahren, weil es die Mischung aus Skifahren und Alpinismus war. Und als ich gerade mal 19 Jahre alt war fuhr ich solo das Mallory Couloir hinunter. Ich bin keiner Spur gefolgt, sondern habe das ganz alleine gemacht. Und ich hatte sofort das Gefühl, dass dies genau mein Ding war. Meine Freunde verstanden das nicht und fragten mich, warum ich unbedingt so steil abfahren wollte. Sie hätten gerne gehabt, dass ich an den Freeride-Wettbewerben teilnehme. Aber ich sagte: „Nein, nein! Ich will Steilwandskifahren gehen! Es fühlt sich richtig an!“

Seitdem konzentriere ich mich darauf. Natürlich fahre ich auch noch normal Ski, aber mein Fokus ist klar.

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Das Mallory Couloir ist ein Lebensziel für viele Amateur-Steilwandskifahrer. Es als erst 19-jähriger Jugendlicher zu fahren scheint mir sehr früh zu sein!

Auf jeden Fall! Und diese Abfahrt muss ein so großes Ziel sein, denn es ist eine wirklich schwierige Abfahrt! Sie ist sehr ernst und kann Folgen haben! Das ist der Grund, warum es für mich wichtig war, es alleine zu machen. Wenn man einem Freund oder einer anderen Person folgt, bekommt man eine Menge Hilfe. Aber für mich ist das alles in mir selbst geschehen. Ich erinnere mich deshalb so gut daran, weil es einen Klick in mir machte. Normalerweise fahre ich nicht viel alleine Ski. Ich bin lieber mit anderen zusammen und diskutiere. Bei dieser Abfahrt habe ich mir Zeit gelassen, auf die Linie geschaut, alles perfekt organisiert und nie Stress empfunden. Ich war in meinem Element und das war das beste Gefühl überhaupt. Es war nicht meine erste steile Steilwandabfahrt – aber es war eine sehr wichtige für mich. Ich fühlte mich an diesem Ort und in diesem Moment sehr gut. Danach war es ganz selbstverständlich, damit weiterzumachen und meine Erfahrung weiter auszubauen.

Wie hast du dir das Wissen und Können angeeignet, um das Mallory abzufahren?

Zu dieser Zeit habe ich bereits begonnen die Bergführerprüfungen abzulegen. Ich bin viel geklettert, war gut auf Skiern – meine Technik und mein technisches Wissen waren bereits ausreichend. Aber das kommt in Chamonix ganz automatisch. Ich habe hier viel alleine gelernt, indem ich es einfach gemacht habe. Meine Generation ging sehr schnell hoch in die Berge. Das war von Anfang an ein autodidaktischer Prozess. Natürlich habe ich viel von Menschen gelernt, die ich beobachtet habe, aus Videos im Internet, immer angetrieben von meiner Neugier. Tatsächlich schaffte ich eine meiner allerersten Skiabfahrten zusammen mit Anselme Baud. Aber ich habe nie von Menschen gelernt, die mir etwas erklärt haben. Das funktioniert bei mir nicht. Ich muss es selbst tun. Aber ich kann diesen Weg nicht jedem empfehlen! Ich hatte viel Glück. Größtmögliche Sicherheit war nicht immer mein Anliegen.

Und jetzt sehe ich diesen Weg auch bei anderen Kids hier. In den letzten 12 Jahren war ich Trainer für alpine Skirennen für die Kinder hier im Tal von Chamonix. Einige von ihnen sind jetzt zwischen 16 und 20 Jahre alt und gehen den gleichen Weg wie ich damals. Sie wagen sich in den Bergen höher hinauf. Deshalb biete ich jetzt 2-3 Ausbildungstage für diese Art des Skifahrens an. Nur ich und die kleinen Kids. Ich versuche ihnen das zu vermitteln, was ich gelernt habe.

Was wird die nächste Generation tun?

Die neue Generation wird ihre eigene Geschichte schreiben! Sie ist natürlich von den vorangehenden Generationen inspiriert – aber ich bin sicher, dass sie eine neue Dimension erreichen wird. Wenn ich den Kids meine Tipps und Tricks weitergebe, dann spüre ich, dass sie sehr neugierig auf das Ganze sind. Sie fragen sehr konkrete Dinge: Wie ist der Schnee? Wie liest man das Wetter? Sie wollen nicht Skifahren lernen. Das können sie schon. Sie wollen lernen, wie man den ganzen Berg liest. Es scheint, dass sie verstehen, dass es für sie umso besser ist, je höher ihr technisches Niveau ist. Und ich denke auch, dass dies sehr wichtig ist. Nach dem, was ich gesehen habe, hatten viele sehr starke Steilwandskifahrer KEIN sehr hohes skitechnisches Niveau. Aber sie waren starke Alpinisten oder haben sich aus anderen Disziplinen heraus entwickelt. Neugierig auf den gesamte Berges zu sein hilft dabei, besser im Steilwandskifahren zu sein. Steilwandskifahren beinhaltet mehr nur einen 50°-Hang abzufahren. Es geht mehr um eine globale Perspektive auf den Berg. Klettern, das Verstehen der Gefahren, Lawinen, Gletscherspalten. Es ist eine sehr umfassende Aktivität und die Kinder hier lernen die Bausteine dafür sehr früh kennen.

Kurzes-Ski-Seil… Vivian unterwegs in Norwegen. Foto: Mathis Dumas

Kurzes-Ski-Seil: Vivian unterwegs in Norwegen. Foto: Mathis Dumas

Welches ist dein eigener Stil?

Ehrlich gesagt denke ich, dass ich überall ein bisschen dabei bin. Ich kann sehr schnell mit Skiern abfahren. Letzten Winter bin ich viel mit Tof Henry gefahren, obwohl wir nicht die gleiche Ausrüstung benutzen. Meine ist leichter. Auf der anderen Seite kundschafte ich gerne neue Wege aus, erforsche, klettere, mache die technischen Sachen. An einem Tag nehme ich schwere Ausrüstung mit, am anderen Tag die leichte. Aber vor allem bin ich ein technisch starker Skifahrer. Da komme ich her und damit spiele ich.

Meine Vision ist es nicht, immer möglichst schnell Ski zu fahren. Vor allem, weil ich wirklich Angst vor schlechten Schneeverhältnissen, Sluffmanagement und Lawinen habe. Ich ziehe es vor, meine eigene Linie zu kreieren, neue Dinge zu erforschen und zu entdecken. Im Moment vor allem in den Alpen, aber wer weiß … Mein Stil ist also erstens technisches Steilwandskifahren und zweitens Neues zu finden.

Was denkst du vom Steilhang-Skifahren im Wandel der Zeit?

Ich stehe der älteren Generation sehr nahe, weil sie Inspiration für mich ist. In jedes meiner Filmprojekte habe ich einen der legendären Skifahrer aus der Vergangenheit mit einbezogen. Einmal war es Pierre Tardivel, dann Anselme Baud und für ein anderes Projekt über die Aiguille Verte habe ich mit Sylvain Saudan, Serge Cachat-Rosset und anderen gesprochen. Ich bin immer sehr neugierig auf ihre Geschichten, darauf, wie sie es gemacht haben. Ich habe das Gefühl, dass ich dieser Generation sehr nahe stehe. Sie sind mit ihrer Erfahrung in meinem Hinterkopf. Im Moment arbeite ich an einem neuen Film über die Aiguille Verte. Im Jahr 2018 fuhr ich den Nant Blanc ab, kurz bevor ich eine neue Route in der Nähe des Couloir Couturier fuhr. Das war der ideale Zeitpunkt, um mich auf einen Gipfel zu konzentrieren und die alte Generation in die Geschichte mit einzubeziehen.

Du teilst eine Menge Tipps & Tricks in Videos online. Warum?

Das ist etwas, das ich wegen des Corona-Virus-Lockdowns hier in Frankreich begonnen habe. Normalerweise mache ich so etwas nicht und kein Sponsor hat mir gesagt, dass ich das tun soll. In der Vergangenheit habe ich als Skilehrer im Skiclub gearbeitet und jetzt arbeite ich mit der ENSA zusammen, wo auch Anselme Baud gearbeitet hat. Dort unterrichte ich die nächste Generation von Skilehrern. Es ist also ein Teil von mir, kleine Lektionen im Web in kurzen Clips weiterzugeben. Das mache ich wirklich gerne. Und offensichtlich lieben es die Leute, die es sich anschauen. Ich spreche dort nicht nur über Leistung, nicht nur über tolle Abfahrten – es ist mehr ein Geben. Und das fühlt sich wirklich gut an. Die Dinge, über die ich da spreche, habe ich in jahrelangem Training gelernt. Das dann innerhalb weniger Minuten weiterzugeben, ist eine Herausforderung. Aber ich bin so, ich mag das, da steckt kein Kalkül dahinter.

Corona-Online-Tutorial von Vivian Bruchez. Foto: Mathis Dumas

Corona-Online-Tutorial von Vivian Bruchez. Foto: Mathis Dumas

Welche Rolle spielen die Medien und Social Media für dich?

Für mich ist das die Art und Weise wie ich meinen Beruf als Bergführer ausübe. Die Kommunikation über Social Media ist für mich eine sehr einfache und gute Möglichkeit, meine Leidenschaft für die Berge mitzuteilen. Dazu bin ich übrigens von niemandem verpflichtet worden! Es ist eine Möglichkeit für mich, mit Menschen zu sprechen, meine Leidenschaft und meine Vision zu teilen. Auf der anderen Seite ist die Arbeit mit Medien wie l’Èquipe oder großen Fernsehsendern im Grunde dasselbe. Es ist ein Weg, um zu zeigen, dass es sehr schöne Dinge gibt, die man in den Bergen tun kann. Ich fahre gern Steilwandski, weil ich das Gefühl habe, dass es Teil meiner Mission ist – und es gibt eine Menge guter Werte, die im Steilwandskifahren stecken: Hinterlass deine eigene Spur. Finde deinen eigenen Weg. Engagier dich. Risikomanagement. Und vieles mehr! Menschen, die das sehen, können daraus etwas für ihr Leben ziehen. Sie lassen sich inspirieren.

 

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Steigst du mit deinem Ansatz die Medien für deine Idee zu nutzen, bewusst in die Fußstapfen von Saudan oder Baud?

Ja, absolut! Während des Filmprojekts Aiguille Verte habe ich viel mit Saudan und Baud gesprochen. Sie haben unterschiedliche Karrierewege eingeschlagen. Saudan setzte seine Konferenzen und Filme fort, bei denen er immer über seine Skiabfahrten sprach – Jorasses, Denali, usw. Und als ich erstmals auf einer seiner Konferenzen war, war ich nicht so ganz mit dem einverstanden, was er da sagte. So würde ich Steilwandskifahren nicht promoten. Aber später traf ich ihn und wir unterhielten uns und da fühlte ich mich seinen Ideen sehr nahe. Wir sprachen viel über Skitechnik. Er konzentrierte sich bestmöglich, schaute sich die Details sehr genau an und hatte immer hart trainiert. Und seine Art, das alles zu vermitteln, war mit Sicherheit eine große Inspiration für andere. Er hat die Fähigkeit, vor einem großen Publikum zu sprechen, und er tut es immer noch – also tut er das wohl, weil es seine Leidenschaft ist. Ich glaube nicht, dass er es tut, um Geld zu verdienen.

Anselme Baud hingegen ging zur ENSA, um andere zu unterrichten. Er schrieb Tourenführer und Leitfäden. Er verfolgte einen anderen Ansatz.

Steilwandskifahren, Bergsteigen, die Berge, das alles ist ein Terrain voller Demut, Authentizität, Engagement, man muss bescheiden sein. Die Kommunikation inmitten dessen muss sehr natürlich sein. Wenn man das in einer Art Wettbewerb oder unter Druck tut, kann das sehr gefährlich sein.

Es gibt also viele Möglichkeiten und jeder muss seinen Weg finden. Wenn man seinen eigenen Weg findet, dann funktioniert es. Wenn man versucht, andere zu kopieren, funktioniert es nie. Für mich sind die Medien deshalb wichtig, weil ich nicht nur bei einem Bier in Chamonix mit Freunden über die Berge sprechen möchte. Was aber für andere auch völlig in Ordnung ist! Aber mein Weg ist es, das Bergerlebnis breiter mitzuteilen. Deshalb gehe ich raus in die Berge, mache Dinge, die eine gute Geschichte beinhalten, verfolge einen sauberen alpinistisch ethischen Ansatz, komme mit Fotos und Videos zurück und teile sie dann mit anderen. Das ist meine Art und Weise.

Vivian Bruchez

Das Interview erschien im bergundsteigen #113.