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In bergundsteigen #96 haben Kurt Winkler und Bruno Hasler verschiedene Sicherungsmethoden für Hochtouren vorgestellt, darunter auch das Gehen am kurzen Seil: Eine Sicherung für einfaches, aber trotzdem absturzgefährdetes Gelände, bei der wir das Seil straff und ganz kurz (ca. 1 m) halten und auf Fixpunkte verzichten. In diesem Beitrag zeigen sie anhand von theoretischen Überlegungen und Berechnungen, in welchen Fällen das kurze Seil sinnvoll ist – und wann wir trotz exponiertem Gelände besser seilfrei gehen.

Von Kurt Winkler und Bruno Hasler, (aus bergundsteigen #98, 1/17)

 

Das Täschhorn ist 4.491 m hoch und anspruchsvoll. An diesem verwechteten Gratabschnitt kann nicht auf der Gratkante gegangen werden und Fixpunkte sind kaum an- zubringen. I bergundsteigen.blog

Das Täschhorn ist 4.491 m hoch und anspruchsvoll.
An diesem verwechteten Gratabschnitt kann nicht auf der Gratkante gegangen werden und Fixpunkte sind kaum an- zubringen. Foto: Moritz Kieferle

Intro

Wie hoch ist das Risiko eines Anfängers oder eines Experten und wie oft kann der Seilpartner einen Absturz verhindern? Wir haben uns bemüht, für unsere Berechnungen möglichst plausible Werte zu  verwenden, aber letztendlich sind alles Annahmen. Nehmen wir andere Werte an, kommen bei den Berechnungen auch andere Risikowerte heraus.

Interessant ist daher nur der Vergleich zwischen den Risikowerten: welches Risiko ist höher, welches tiefer? Im Unterschied zu den absoluten Werten ist die Reihenfolge der Risiken nämlich recht zuverlässig. Sie bleibt auch bei deutlich veränderten Annahmen stets dieselbe.

Viele weitere Einflüsse bleiben unberücksichtigt. So besteht z.B. seilfrei manchmal noch die Chance, einen Rutscher in einer Firnflanke mit der Pickelbremse zu stoppen, während angeseilt das Seil beim Absturz irgendwo um einen Felszacken verhängen und so den Absturz doch noch stoppen kann.

Mit den getroffenen Annahmen haben wir das kumulierte Todesrisiko einer Person auf insgesamt 48 Touren berechnet, also für jeden Schweizer Viertausender eine Tour. Weil wir nur an Quervergleichen interessiert sind, setzen wir den Risikowert für seilfreie Begehungen eines „normalen“ Alpinisten auf „1“ (die Berechnung ergibt mit unseren Annahmen 2,4 %).

Zwei „normale“ Bergsteiger

Wir berechnen das Risiko bei der Anwendung verschiedener Sicherungstechniken für einen „normalen“ Bergsteiger, der mit einem gleich starken Partner unterwegs ist. Dabei nehmen wir an, dass pro 2.000 Touren der eine Bergsteiger abstürzt und pro 2.000 Touren der andere.

Verzichten die beiden Bergsteiger auf jegliche Fixpunktsicherung, haben sie die in Abb. 1 angeführten Möglichkeiten.

  alles seilfrei alles am kurzen Seil alles am kurzen Seil, dieses wird nicht korrekt ausgeführt
Annahmen Die beiden Bergsteiger stehen nie übereinander und reissen einander nicht mit. – Ein Sturz des Vorsteigers führt immer zum Seilschaftsabsturz.

– Der Vorsteiger verhindert einen Sturz des Nachsteigers in drei von vier Fällen.

– Ein Sturz des Vorsteigers führt immer zum Seilschaftsabsturz.

– Der Vorsteiger kann einen Sturz des Nachsteigers nie verhindern, z.B. weil das Gelände zu schwierig oder das Seil zu lang oder nicht straff ist.

Risiko-Wert 1 1,25 2
Fazit Für gleich starke Bergsteiger ist seilfrei dann sinnvoll, wenn es auf der ganzen Tour keine Fixpunktsicherung braucht (durchgehend leicht) oder diese nicht möglich ist (z.B. in einer Firnflanke). – Nicht empfohlen.

– Das kurze Seil lohnt sich für gleich starke Bergsteiger nur, wenn dazwischen an schwierigen Stellen gesichert wird.

– Maximales Risiko!

– Jeder Sturz, egal ob vom Vor- oder Nachsteiger, führt zum Seilschaftsabsturz.

– Um jeden Preis verhindern.

Abb. 1: Möglichkeiten und Risiko von zwei „normalen“ Bergsteigern, die auf eine Fixpunktsicherung komplett verzichten.

 

Auf vielen Hochtouren, aber auch auf Abstiegen von klassischen Klettereien wechseln sich leichtere und schwierigere Stellen ab. Dann ist es sinnvoll, an den schwierigen Stellen an Fixpunkten zu sichern. Wir nehmen mal an, dass die beiden Bergsteiger damit die Hälfte der Abstürze verhindern. Alles zu sichern dauert meist zu lange. Deshalb wählen die beiden Bergsteiger zwischen den schwierigen Stellen dieselben Strategien wie im Beispiel davor – dargestellt in Abb. 2.

  Fixpunkt-Sicherung an schwierigen Stellen verhindert die Hälfte der Abstürze.
dazwischen seilfrei dazwischen kurzes Seil dazwischen kurzes Seil, dieses wird nicht korrekt ausgeführt
Risiko-Wert 0,5 0,6 1
Fazit In der Theorie die beste Lösung, aber trotzdem nur bedingt empfohlen. Das Problem ist die Umsetzung: sind wir erst einmal losgeseilt, verpassen wir es meistens, uns rechtzeitig wieder anzuseilen und an Fixpunkten zu sichern. In den meisten Fällen werden die darauffolgenden schwierigen Stellen seilfrei geklettert und wir landen in der risikoreicheren 1. Tabelle („alles seilfrei“). – Best practice auf vielen Hochtouren.

– Auch hier braucht es Disziplin, um an der nächsten schwierigeren Stelle wieder an Fixpunkten zu sichern. Dies fällt aber leichter, weil der Aufwand dazu kleiner ist.

– Schlechte Lösung.

– Kurzes Seil erlernen und danach von mehr Sicherheit profitieren.

Abb. 2: Möglichkeiten und Risiko von zwei „normalen“ Bergsteigern, die sich bei schweren Passagen an Fixpunkten sichern. Damit könnte die Hälfte der Abstürze (0,5 statt 1, vgl. Abb. 1) verhindert werden.

Gehen am kurzen Seil, Foto: Bruno Hasler I bergundsteigen.blog

Foto: Bruno Hasler

Unterschiedliches Können

Egal ob ein routinierter Alpinist mit seiner neuen Partnerin oder eine Bergführerin mit ihrem Gast, wir betrachten in Abb. 3 die Risiken zweier Bergsteiger mit stark unterschiedlichem Können.

Anfänger
(alles seilfrei)
Experte
(alles seilfrei)
2er-Seilschaft (Fixpunktsicherung, dazwischen kurzes Seil) 3er-Seilschaft
(vermehrt Fixpunktsicherung, dazwischen kurzes Seil)
Annahmen Zwei Freunde, Anfänger und Experte, machen zusammen dieselben Touren.

– Für den Anfänger sind die Touren schwierig. Wir nehmen an, dass er pro 100 Touren abstürzt.

Zwei Freunde, Anfänger und Experte, machen zusammen dieselben Touren.

– Für den Experten sind die Touren leicht. Wir nehmen an, dass er pro 10.000 Touren abstürzt.

Der Experte ist up to date und sichert wie folgt:

– Fixpunktsicherung an den schwierigen Stellen. Verhindert die Hälfte der Abstürze.

– Dazwischen kurzes Seil, wobei der Experte den Anfänger in 9 von 10 Fällen hält. Der Anfänger hält den Experten nie.

Der Experte ist mit zwei Anfängern unterwegs.

– Er ist sich des höheren Risikos bewusst und sichert vermehrt an Fixpunkten. Damit verhindert er drei Viertel der Abstürze.

– Dazwischen kurzes Seil, wobei der Experte den ersten Anfänger wiederum in 9 von 10 Fällen hält, den zweiten Anfänger immerhin noch in drei Viertel der Fälle. Die Anfänger halten den Experten nie.

Risiko-Wert 16 0,2 1,1 4,3
Fazit Seilfrei haben schwache Bergsteiger ein extremes Risiko.

– Vom Freund sichern lassen oder viel leichtere Touren wählen.

Die Touren sind für den Experten so leicht, dass er seilfrei recht sicher unterwegs ist.

Wegen dem enormen Risiko des Freundes nicht praktikabel.

Best practice bei unterschiedlichem Können.

Das Seil verschiebt das Risiko: für den Anfänger wird es sehr viel kleiner, für den Experten höher.

Beim kurzen Seil gilt: je grösser die Seilschaft, desto gefährlicher. Dabei steigt das Risiko mit der Seilschaftsgrösse überproportional an.

Abb. 3: Möglichkeiten und Risiko von zwei bzw. drei Bergsteigern mit stark unterschiedlichem Können.

Viel unterwegs

Das Risiko kumuliert sich. Wir betrachten in Abb. 4 das gesamte Risiko für einen Bergführer, der während 20 Jahren in jeder Saison 15 Hochtouren mit wenig trittsicheren Kunden führt, insgesamt also 300 solcher Touren. Alle anderen Annahmen sind gleich wie oben („Experte“, unterwegs mit „Anfänger“, Abb. 3).

  seilfrei (Bergführer) 2er-Seilschaft mit Gast 3er-Seilschaft mit 2 Gästen
Risikowert bei

48 Touren (siehe Abb. 2)

0,2

(„Experte“, alles seilfrei)

1,1

(2er-Seilschaft)

4,3

(3er-Seilschaft)

Risikowert bei

300 Touren

1,2 6,3 21
Fazit Auch viele „praktisch sichere“ Touren ergeben zusammen ein beachtliches Risiko. Viele Touren mit jeweils „vertretbarem“ Risiko addieren sich zu einem hohen Risiko. Wer massenhaft Touren mit hohem Risiko unternimmt, überlebt nur mit viel Glück.

Abb. 4: Risiko für einen Bergführer/Experten, der 20 Jahre lang 15 Hochtouren pro Saison mit einem Kunden/Anfänger macht.

Gehen am kurzen Seil, Foto: Bruno Hasler I bergundsteigen.blog

Foto: Bruno Hasler

Empfehlung

Auf vielen Hochtouren gibt es Abschnitte, wo das Gehen am kurzen Seil die adäquate Sicherungstechnik ist. Bedingung ist aber, dass das Sturzrisiko relativ klein ist und der Seilführer in einem ansehnlichen Teil der Fälle den Nachsteiger halten kann.

Wird das kurze Seil in zu schwierigem Gelände verwendet oder nicht korrekt ausgeführt (Seil zu lang, nicht straff usw.), führt jeder Sturz eines Einzelnen zum Seilschaftsabsturz. Dies bedeutet das maximale Risiko für alle Beteiligten und muss unter allen Umständen verhindert werden. Daher gilt:

  • Kurzes Seil nur einsetzen, wenn wir es vorgängig erlernt und in harmlosem Gelände gründlich geübt haben. Kurse sind leider Mangelware, in der Schweiz wird man aber fündig. Ohne diese Kenntnisse sollten wir selbständig keine Touren unternehmen, die Gehen am kurzen Seil erfordern.
  • Auch wer das Gehen am kurzen Seil beherrscht, sollte an schwierigen Stellen konsequent auf Fixpunktsicherung wechseln. Selbst wenn es sich nur um einen Schritt handelt.

Bei gleich starken Bergsteigern ist das kurze Seil dann sinnvoll, wenn an den schwierigen Stellen auf Fixpunktsicherung gewechselt wird. Das ist ausser in reinen Firnflanken auf den meisten Touren möglich, oft stecken an neuralgischen Punkten sogar Bohrhaken oder Sicherungsstangen.

Theoretisch noch besser wäre es, wenn sich gleich starke Bergsteiger zwischen den schwierigen Stellen losseilen. Praktisch gestaltet sich dies aber oft schwierig, denn nach dem Losseilen steigt die Gefahr, dass sie an der nächsten schwierigen Stelle in Wirklichkeit dann doch nicht wieder anseilen, oder sie realisieren zu spät, dass die Stelle schwieriger ist als erwartet. Ist der Vorsteiger bereits in der schwierigen Stelle, ist es zu spät, um noch anzuseilen. Also „Augen zu und durch“!

Bei unterschiedlichem Können trägt der Schwächste seilfrei oft ein enormes Risiko. Dieses wird mit dem kurzen Seil massiv reduziert. Die damit erreichte Reduktion des Gesamtrisikos geht allerdings auf Kosten des besseren Bergsteigers, sein Risiko steigt an.

Beim kurzen Seil sind Zweierseilschaften ideal. Mit grösseren Seilschaften steigt das Risiko massiv an. Es ist für den Seilführer sicherer, eine Tour zweimal zu machen mit je einem Nachsteiger als einmal mit zwei Nachsteigern

Alle Beiträge „Kurzes Seil“

Die Autoren

Kurt Winkler

Kurt Winkler ist promovierter Bauingenieur, Bergführer und Autor der Schweizer Lehrbücher „Bergsport Sommer“ und „Bergsport Winter“. Bergsönlichkeit in Heft 1/15.

 

Bruno Hasler I bergundsteigen.blogBruno Hasler

Bruno Hasler ist Bergführer, Fachleiter Ausbildung beim SAC und Maschineningenieur.

Literatur