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Wie kann Lawinengefahr für Skitourengeher kommuniziert werden?

Wie soziale Medien international die Informationskommunikation unterstützen und Posts Risikoentscheidungen beeinflussen

Lawinenlageberichte sind eigentlich die Spaßbremse schlechthin! Führen sie uns doch täglich – manche gerne mit erhobenem Zeigefinger – vor Augen, dass wir an mehr oder weniger Stellen eine Lawine auslösen könnten. Aber sie sagen uns blöderweise nicht explizit, wohin wir stattdessen fahren sollen.

Wir wollen doch nur ein gutes Erlebnis, eine schöne Skitour, eine perfekte Abfahrt – mit dem Ad-On guter Bilder für unser Profil auf den Social-Media-Portalen.

Mehr Menschen oder bestimmte Zielgruppen besser zu erreichen und für dieses Thema zu sensibilisieren – das waren u.a. auch Themen beim ISSW 2018. Die entsprechenden dort vorgestellten Projekte stoßen mit spezifischen, relevanten, positiven Posts sowie einem Mehrwert zum Erreichen des eigentlichen Ziels (gute Abfahrt) auf eine große Akzeptanz in sozialen Medien. Das gilt auch für das Wissen rund um Lawinengefahren und deren Vermittlung als auch die Erlebnisse des Einzelnen auszuwerten – also jeden ein bisschen mehr „(Social) Hero“ sein zu lassen. 

Soziale Medien und ihre Funktion im Bergsport

Wir wissen, dass sich das Kommunikationsverhalten geändert hat und in Österreich 84 % der Bevölkerung regelmäßig im Internet surft. Knapp die Hälfte davon nutzen regelmäßig soziale Netzwerke wie Facebook, YouTube, Google+, Twitter oder Instagram. 

Daraus resultiert, dass „Lebensräume“, Lifestyle & Community auch im Netz stattfinden, ebenso wie dort Gruppen existieren und somit auch eine gegenseitige Beeinflussung stattfindet. „Bergsteigen“ oder „Skitourengehen“ bilden hier keine Ausnahme:

„In our sample of the Hatcher pass backcountry travelers, 77 % of people are on Facebook and 68 % on Instagram, while only 17 % reported to not have any type of social media account. Some of the younger participants mentioned Snapchat. Out of the people that use social media, 45 % of people commented to have posted on social media about their backcountry travel.“ (Christina Ortega, Roy Wollgast, Eva Latosuo: Proceedings of Social Media use and smartphone technology among backcountry skiers and snowboarders, Hatcher Pass; Alaska Pacific University)

Postings liefern Informationen über aktuelle Verhältnisse

Beim „Dangerator“ werden relevante Social-Media-Posts sogar in die lokale Beurteilung miteinbezogen, wenn kein amtlicher Lagebericht vorhanden ist, z.B. bezüglich eines evtl. vorhandenen Altschneeproblems: „Is there a persistent or deep persistent slab problem in the snowpack?“ (James A. Floyer, Mark A. Bender: The Dangerator, a method for estimating avalanche danger in areas with no public avalanche forecast) 

Das funktioniert natürlich nur, wenn es sich um eine vollständige und verifizierte Information handelt.

Soziale Medien verändern Verhaltensweisen beim realen Bergsteigen 

 „Social media can be beneficial for users and avalanche forecasters, but the same technology can also cause problems by creating distractions in the real world environment and heuristic traps, as many risk their safety to become an ‚Instragram Hero‘. Presence of social media and smartphone technology have already changed the habits of backcountry travelers, even in Alaska.“ (Christina Ortega, Roy Wollgast, Eva Latosuo: Proceedings of Social Media use and smartphone technology among backcountry skiers and snowboarders, Hatcher Pass; Alaska Pacific University)

Soziale Medien können unser Verhalten beeinflussen. Positiv – wie oben beschrieben –, wenn Postings zusätzliche Informationen zur lokalen Lawinensituation liefern, negativ, wenn ebendiese unvollständig, falsch oder unreflektiert verbreitet werden. Hier sei nochmals darauf hingewiesen, dass an sich jeder und jede für die Falsifizierung oder Verifizierung des eigenen Posts verantwortlich ist.

Interessantes (Negativ-)Beispiel für beide Punkte lieferte uns ein lawinöser Frühjahrstag am Ende der vergangenen Saison. Wir waren auf einer nordexponierten Skitour gegenüber des steilen Habicht S-Aufstieges (Gschnitztal/Stubaier Alpen) unterwegs, brachen diese aufgrund der sehr warmen Verhältnisse als auch aufgrund von Triebschnee im Kammbereich rechtzeitig ab, um noch bei einer tragenden Firnschicht abzufahren. Gegenüber von uns befanden sich zu diesem Zeitpunkt gegen 10:30 Uhr am Vormittag gut vier Dutzend Menschen an verschiedenen Stellen im Aufstieg zum Habicht. Durch die offensichtliche Gefahr aufgrund dieser tageszeitlichen Erwärmung eine spannende, um nicht zu sagen gefährliche Idee.

Habicht vom Geschnitztal am 7.4.2018 gegen 10:30. Die roten Punkte markieren Personen (im Aufstieg).

Nicht schlecht staunten wir, dass diese Tourengeher aber die „Social heroes“ dieses Wochenendes waren bzw. das Heldentum durch die „einsame“ Gipfelbesteigung verstärkt wurde.

Wahrnehmung und Social-Media-Realität am selben Tag.

Die Risikobereitschaft erhöht sich durch (Social Media) Positionierung bzw. Vergleich(barkeit) mit anderen

Andrea Mannberg nennt es in ihrer Studie (vgl. bergundsteigen #105) „positional preferences“, was man wohl inhaltlich am besten mit Positionierung und hier vor allem durch den Vergleich mit anderen übersetzen kann.

„Identität an sich gibt es nicht; wer wir werden, hängt größtenteils von unserem Umfeld ab.“ (Verhaeghe, S. 8)

„… that people have ‚positional preferences‘ in the sense of deriving utility from their own consumption relative to that of others. This idea that we are somehow better-off when we are relatively better off that those around us, and the extent to which we care about this, is what is termed positional preference.“ (Andrea Mannberg, bergundsteigen #105)

Bezogen auf die Risikobereitschaft bedeutet dies, dass allein die Tatsache und das Wissen, dass ein anderer Tourengeher etwas Steileres gefahren ist (was als aktueller Wert für etwas „Besseres“ steht), wir entweder unser eigenes Erlebnis abwerten und gleichzeitig den Wunsch hegen, dasselbe oder sogar etwas noch Besseres zu machen.

„In other words, while few would choose on their own to ski a line they think is risky, nearly a quarter of our sample would give in to peer pressure and ski the run. They make this choice presumably because they do not want to lose respect or status within their group. 

(…) Again, we see positionals accepting higher risk behaviors party as a result of social interactions.“ (Andrea Mannberg, bergundsteigen #105)

Diese Werte aber legen zum Teil wir selbst fest. Wird es als wertvoll angesehen, die steilste Rinne zu fahren, oder ist es wertvoller, einen guten, relaxten Powdertag zu haben. Hier geht es um Positionierung des eigenen Status innerhalb einer (digitalen) Gruppe als Resultat sozialer Interaktion (was auch inkludiert, dass das Nicht-vergleichen-Können, weil keine Gruppe dabei ist oder auch kein Post gestellt wird, Sicherheit fördert). 

Der „positional rider“ geht demnach eher ein Risiko ein und zwar insofern, als die Status-Suche und -Vergleichbarkeit über soziale Medien gesucht wird.

Die (sozialen) Werte sind veränderbar

„Jede Gesellschaft definiert und gestaltet die Vorstellung von Normalität und definiert damit gleichzeitig auch die Abweichungen. Das vorherrschende Denkmuster bestimmt also die Praxis.“ (Verhaeghe, S. 200)

Vergleichbarkeit ist immer einfacher durch quantitative Merkmale zu erreichen. Qualitäten zu vergleichen wird schwieriger, wäre aber der „Aufruf“ in der Konklusio des Beitrages. Die Qualität des persönlichen Erlebnisses wird der Positionierung und Vergleichbarkeit in der Gruppe untergeordnet. 

Peer-Gruppen verbreiten digitale Informationen

Peer-Education umfasst den Ansatz, dass einzelne Personen einer Gruppe (keine externen), auch Multiplikatoren oder Peers genannt, geschult werden und diese Informationen in ihre Gruppe weitertragen und verbreiten. Hier wird der Multiplikatoreneffekt angestrebt, wonach die Informationen auch von den Gruppenmitgliedern in die nächsten Gruppen weitergetragen werden. Also ein Schneeballeffekt in Bezug auf die Informationsverbreitung. 

Dass diese Form der Informationsverbreitung zu hoher Akzeptanz führt, wenn sie von „Influencern“ (und hier sind wirklich Athleten aus den eigenen Reihen gemeint und nicht die kommerzielle Version des Wortes) in der „Sprache“ (Wort und Bild) der Gruppe weitergegeben wird, zeigt Jennifer Coulter mit ihrem Projekt: Schlüssel dabei ist, dass der Prophet seinen Berg verlässt und sich gezielt mit dem Kommunikationsverhalten der Zielgruppe auseinandersetzt sowie etwas Positives und einen Mehrwert der Information generiert und für die Gruppe formuliert: „Wir zeigen euch, wo man heute guten Schnee findet!“

Informationsverbreitung und -verarbeitung, Filterblase 

Hier geht es, wie weiter oben beschrieben, um Algorithmen, voraussortierte Informationen nach dem Motto „Mehr desselben“ und unvollständige Filterblasen.

Im Bereich der aktiven Informationsbeschaffung kommt hier noch der nötige Wissensstand hinzu – d.h. jemand, der von Lawinenwarnstufen eher wenig Ahnung hat, wird selten den Lawinenwarndienst (über Web oder Facebook) suchen oder anklicken. Seine „digital peer group“ muss ihn über diese fehlende Information informieren – nur so kann er seine Wissenslücke füllen.

Nachrichten werden nicht mehr gelesen, sondern gescreent

Die ohnehin schon reduzierten Social-Media-Nachrichten werden immer weniger aktiv und vollständig gelesen werden, sondern mehr und mehr nur gescreent – und hier wiederum erhält primär das Bild bzw. die ersten Zeilen/Worte eines Posts in einer sehr knappen Zeitspanne von wenigen Sekunden Aufmerksamkeit. Hinzu kommt, dass rein informelle Posts weniger spannend für Leser (als auch Facebook) sind als emotionalisierende, und der Bildsprache eine große Bedeutung zukommt.

Das heißt, dass jegliche wichtige Information auf den ersten Blick und in den ersten Sekunden erkennbar sein sollte. Im Bereich der Lawinenlageberichte bzw. Informationsvermittlung befördert das nochmals die bestehende Diskussion zur Un-/Wichtigkeit der Lawinenwarnstufen.

So war folgende Social-Media-Vorschau am 8. April zu sehen – an dem bereits oben erwähnten, sehr warmen Frühlingstag: 

Vorschau Lawinenlagebericht vom 7. April 2018 I bergundsteigen.blog

Facebook-„Header“ Lawinenlagebericht Tirol vom 7. April 2018.

Die grundlegend wichtige Information steht nun im Fließtext, nämlich dass „mit Selbstauslösungen zu rechnen ist“ und die „ausgelösten Lawinen auch gefährlich groß werden“ können. 

Lawinenlagebericht vom 7.4.2018 I bergundsteigen.blog

Lawinenlagebericht Tirol vom 7. April 2018.

Dass diesen Text aber nicht alle gelesen haben, sondern sich mit der sicheren Variante Lawinengefahrenstufe 1 und 2 zufrieden gegeben haben, bezeugen die unzähligen Skitourengeher zu später Uhrzeit in steilem Gelände – nicht nur in Tirol.

Rush hour by Gerald Lehner I bergundsteigen.blog

Nicht nur in Tirol war am 7. April 2018 viel Betrieb auf bekannten (und weniger bekannten) Skitourenbergen…

Viral hingegen gingen am Abend dieses Tages und am Folgetag Posts von Lawinen. Welch Überraschung. Überraschend umgekehrt für Experten, dass so viele Personen die Gefahrenzeichen im Gelände (Durchfeuchtung) ignoriert haben.

Trotz Gefahrenstufe 1 und 2 blickte der Lawinenwarndienst Tirol in seinem Blog auf ein ereignisreiches Wochenende zurück.

Die Verbreitung von Informationen kann optimiert werden – siehe Beispiel Mannberg.

Es funktioniert

Show – don’t tell

Modelling behaviour on Social Media as a strategy for influencing behaviour in data sparse regions

Avalanche Canada/ Avalanche Canada South Rockies

Jennifer Coulter ist u.a. Lawinenwarnerin bei Avalanche Canada für das South Rockie Team und Ausbilderin des CAA Industry Training Programs. Im Rahmen des ISSW 2018 (bergundsteigen.blog/issw-2018) hat sie das Projekt „Show, don’t tell: modelling behaviour on Social Media as a strategy for influencing behaviour in data sparse regions“ vorgestellt.

Ausgangslage

2009 verunfallten acht Snowmobilfahrer in den South Rockies. Es stellte sich heraus, dass sie den Lawinenlagebericht nicht gelesen hatten. Es wurde das Ziel definiert, Snowmobilfahrer mit dem Lawinenlagebericht besser zu erreichen. Der Start war, die eigene Kommunikation zu evaluieren und schnell fand man wichtige Punkte:

  • Avalanche Canada ist eine „skier-centric“-Organisation,
  • Avalanche Canada erstellt keinen spezifischen Inhalt für Snowmobilfahrer,
  • Avalanche Canada wurde als Einrichtung gesehen, die Snowmobilfahrer durch die Dokumentation von Unfällen in ein schlechtes Licht rückt und daher auch in dieser Szene eher mit Misstrauen gesehen wurde.

2015 wurden Social-Media-Guidelines definiert, um diese Zielgruppe besser zu erreichen und zu informieren.

Ablauf 

  • Beschreibung des eigentlichen Problems

Snowmobilfahrer machten zwischen 2007 und 2017 47 % der Lawinenopfer/-verunfallten aus. Sie lagen somit vor der nächsten großen Gruppe der Skifahrer mit 28 %. Zudem treffen die regionalen Lawinenlageberichte oft auf lokale Regionen nicht zu – in Kanada werden die Lageberichte bzw. Vorhersagen für eine Fläche bis zu 50.000 km2 erstellt. Ohne spezifisches Lawinentraining ist es daher nicht bzw. nur schwer möglich, die regionalen Probleme und Muster auf Lokales zu übersetzen.

  • Defining the audience

Der englische Begriff „audience“ meint mehr als nur die Zielgruppe. Übersetzt wird er u.a. mit dem Begriff „Publikum“. Im Falle des Projektes wurden das Wissen, die Ausrüstung als auch das Verhalten der Snowmobilfahrer sowie ihr Lebensumfeld und ihre Ziele untersucht sowie ihr Kommunikationsverhalten bzw. -inhalte. Dazu zählt auch die bildlastige, positive Kommunikationsform. 

  • Strategie erarbeiten

Der erste Schritt ist, in die Wertewelt der Snowmobiler einzutauchen. Es reicht nicht aus, die Ausrüstung, die Community und das Können zu verstehen, sondern dass es auch Leute aus dem eigenen Team umsetzen. Im Gesamten sind hier Leute aus der Community heraus, sogenannte Influencer (nicht zu vergleichen mit den Social Media Influencern) wichtig, die wiederum von Avalanche Canada gebrandet wurden, um auch über sie das Brand nach außen zu tragen. Nach der Definition des Publikums und seines Kommunikationsverhaltens musste man auch eigene Kommunikations- und Informationsansprüche verlassen, wonach eben nicht jeder auf die Website des Lawinenwarndienstes geht, um sich über aktuelle Verhältnisse zu informieren, und dass man mit gewohntem Verhalten eben nicht alle Zielgruppen anspricht. Es wurden Facebook und Instagram als Kanäle ausgewählt und sogar eigene, neue, regionale Informationsportale erstellt.

Ziel des Projektes

  • Akzeptanz der Information,
  • Engagement, also Verbreitung der Information an die richtige Zielgruppe,
  • Markenbekanntheit von „Avalanche Canada“ erhöhen,
  • schlussendlich Beeinflussung des Verhaltens.

Konkreter Ablauf

Um diese Ziele zu erreichen, wurden Kommunikations-Guidelines erarbeitet. Im Vordergrund der gesamten Strategie steht immer der Slogan „Show, don’t tell“. Dies wiederum wurde getragen vom Canada Avalanche Field Staff und der Transparenz, wie sie zu Entscheidungen und auch Fehlentscheidungen kommen. 

  • Messages should be short and engaging with high quality photos or videos.
  • Avoid technical language/jargon; messages must be understood by users with no formal avalanche training.
  • Highlight a single problem and/or solution.
  • Whenever possible, use „we“ language instead of „you“ language to avoid lecturing.
  • Model what we are thinking about as professionals on a given day and how we are keeping ourselves safe relative to the current hazard.
Beispiel für Post von Avalanche Canada South Rockies I bergundsteigen.blog

Beispiel für ein Post von Avalanche Canada South Rockies, bergundsteigen.blog

Lo.La Saalbach Hinterglemm

Lokale Lage

Lo.La ist ein Tool für lokales Wissen im Sicherheits- und Risikomanagement, auch im Winter: Beurteilung, Dokumentation und Kommunikation der lokalen Lawinensituation für definierte Geltungsbereiche. 

„LO.LA Powder ist ein digitales Werkzeug zur Analyse und Beurteilung der lokalen Lawinensituation. Mit Hilfe einer standardisierten Vorgehensweise können die lokalen Experten ihr Erfahrungswissen optimal einsetzen und ihr Lawinenrisikomanagement verbessern. Die Planung und Umsetzung der notwendigen Maßnahmen wird so nachvollziehbar und dokumentierbar.“ (www.lo-la.info)

Skigebiete haben so die Möglichkeit, ganz lokal für ihr Gebiet einen Lawinenlagebericht zu erstellen. Der Lagebericht wird auf Websites, vor Ort und auch über Facebook ausgespielt, teils mit Handlungsempfehlungen versehen. Auf Facebook erzielen diese lokalen Lageberichte gute Reichweiten und Kommentare – hier erreicht man mit relevanten, konkreten Informationen der geschulten Experten vor Ort die gewünschte Zielgruppe.

Lokaler Lawinenlagebericht Saalbach I bergundsteigen.blog

Zielgruppenspezifisch aufbereitete Information via Facebook.

Abgeleitete Hypothesen und Handlungsmaxime

Gruppen nützen, Informationen verbreiten

Der Spruch vom Berg und Propheten muss nun wohl auch (medien-/pädagogisch gesehen) digitalisiert werden. Denn nicht der Berg (= Nachricht) steht, sondern der Prophet (= Leser) wartet, welcher Nachrichtenberg denn an ihm vorbeikommt (push- vs. pull-communication). 

Gut natürlich, wenn auch die Propheten wieder zu wandern beginnen und anderen Propheten von ihren Bergen erzählen – das wäre dann die interaktive Social-Media-Kommunikation. Informationen werden also in attraktiver Form und über relevante Portale/Gruppen dem User „zugetragen“, der diese wiederum gerne teilt und weitergibt.

Die Sprache der User sprechen – und auch über ihren Channel kommunizieren

Natürlich gibt es immer zwei Sichtweisen hinsichtlich der Verantwortlichkeit der Informationsbeschaffung: Bin ich als Leser verantwortlich mich zu informieren oder ich als Medium/Institution den Leser zu informieren. Fakt ist, dass sich auch die Informationsbeschaffung verändert hat, ebenso wie das Rezipieren von Informationen – siehe oben. Will man eine bestimmte Information an jemanden vermitteln (z.B. mit dem Ziel der Prävention), wird man sich diesen Veränderungen stellen müssen.

Am Beispiel des Projekts von Jennifer Coulter: Will man die Snowmobilfahrer besser informiert wissen, bereitet man die Informationen so auf, dass diese auch bei ihnen ankommen und angenommen werden. 

Das bedeutet „für uns Experten“ aber auch, dass wir anstelle der Bekundung unseres Schocks und Entsetzens über fehlendes Wissen ebendiese Personen mit Wissen unterstützen können.

Die passende Sprache und Bildsprache der Zielgruppe zu treffen, das hat wohl Avalanche Canada geschafft. Angelehnt an ihre Richtlinien, hier wichtige Punkte für eine optimale Informationsvermittlung:

  • Lokal & konkret
    Je lokaler und konkreter Informationen sind, desto höher ist die Akzeptanz.
  • Positiv & Mehrwert
    Das hat mehr mit dem Ziel der Wertveränderung zu tun. Natürlich verbreiten sich Negativinformationen viral hervorragend, doch wird dies ebenso für positive Informationen mit einem Mehrwert zum Erreichen eines konkreten Zieles möglich sein.
  • Kurz & verständlich
    Das Komplexe auf einfache Schritte herunterbrechen. Beispiel hierfür sind Videos über Basisthemen, die für ein Magazin aufbereitet wurden, von Basisusern bis Experten aber gleichermaßen gelesen und geteilt werden.
  • „Highlight a single problem and/or solution.“
    Konkret werden – auch hinsichtlich der Problemstellung. Ein Problem – und wie gehe ich damit um.
  • Entscheidungsfindung transparent machen
    Wie komme ich zu Entscheidungen? Worauf muss ich achten? Was habe ich allenfalls auch falsch gemacht?
  • Jeder hat eine Gruppe und kann Werte verändern.
    Nun hört sich das alles nach einem Projektablauf für Institutionen und Medien an. Nein. Jeder kommuniziert in einer Gruppe, informiert Menschen über soziale Medien. Und genau hier soll und kann angesetzt werden, indem relevante Informationen salonfähig, wenn nicht sogar trendy gemacht werden.

Konklusio

How to get a hero?

„Dem Mut wahr zu sprechen.“ (Verhaeghe 2012, S. 220)

Was wäre, wenn wir unsere Energie, unser Wissen und die Dynamik sozialer Medien dafür nützen, andere besser zu informieren, und gemeinsam dieses Ziel verfolgen?

Also beispielsweise durch eine realistische Darstellung unserer (auch normalen) Touren, ergänzt mit sinnvollen Informationen und aktuellen Verhältnissen, die wir an unsere Gruppe weitertragen und evtl. so einen Beitrag dazu leisten, dass einerseits alle ein bisschen „social hero“ sein können und andererseits fundiertes Wissen trendy wird. 

Informieren statt bewerten

Heldenhaft legendäre Skitouren und -abfahrten mit gutem Powder und viel Platz für Turns passieren meist bei offenen 30°-Hängen und nicht in den 40°-Rinnen. 

Was ist, wenn „wir Experten“ öfter mal unser Wissen übersetzen und auch gern in unserer „Social Gruppe“ verbreiten, anstatt über Menschen zu schimpfen, denen diese Informationen offensichtlich fehlen. Ein gutes Beispiel ist hier der Bundesverband der Österreichischen Bergrettung, die nicht nur Fotos, die auf Lawinengefahren hinweisen, auf Facebook gestellt, sondern diese auch erklärt haben.

  • Was wollen Menschen mit sozialen Medien erreichen? Sie wollen sich gut fühlen. 
  • Was wollen Bergsteiger in der analogen Welt erreichen? Sie wollen ein schönes Bergerlebnis haben und wieder gesund nach Hause kommen. 
  • Und außerdem gilt für viele: Man will auch gesehen werden.

Wir können mit unserem eigenen Verhalten zu allen drei Punkten beitragen.

Soziale Medien stellen eine Chance dar!

„With the prevelance of social media and smart phones in the backcountry, future methods of communication between avalanche forecasters and recreationalists can be dealt with in a different way than before. Social media can be a great way to pass backcountry information to large amount of people directily and instantly even in remore parts of the world like Alaska.“ (Christina Ortega, Roy Wollgast, Eva Latosuo: Proceedings of Social Media use and smartphone technology among backcountry skiers and snowboarders, Hatcher Pass; Alaska Pacific University)

Weiters Andrea Mannberg:

„Positionality for ski terrain implies that individuals’ wellbeing is not affected by their own snow conditions and riding accomplishments, but also by what other riders do.“ (Andrea Mannberg, bergundsteigen #105)

Was wäre aber, wenn nicht nur die steilsten Rinnen und das gefährlichste Gelände, sondern auch fundiertes Wissen einen wünschenswerten Wert in der Backcountry-Szene erhält? Dann würde die Dynamik des Vergleichens und Erreichens Positives bewirken. Die guten Bilder bleiben trotzdem …

Wir können Werteverhalten beeinflussen

„Jede Gesellschaft definiert und gestaltet die Vorstellung von Normalität und definiert damit gleichzeitig auch die Abweichungen. Das vorherrschende Denkmuster bestimmt also die Praxis.“ (Verhaeghe, S. 200) •

Literatur

Digitale Depression. Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern. Sarah Diefenbach, Daniel Ullrich. mvgverlag, München 2016.

Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft. Paul Verhaeghe. Verlag Antje Kunstmann, München 2012.

Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung. Bernhard Pörksen. Carl Hanser Verlag, München 2018.

Change the Game – Wie wir uns das Netz von Facebook und Google zurückerobern. Markus Breitenecker, Corinna Milborn. Brandstätter Verlag, Wien 2018.