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Eine Schneeflocke und darunter „POW“ – ein Logo, über das man in letzter Zeit immer häufiger stolpert. In ihrem Essay beschreiben die Präsidentin und ihre Vize von POW – genauer gesagt von Protect Our Winters Austria – nicht nur, was die Idee dieser Organisation ist, sondern auch welchen Impact man als Wintersportler*in auf die Umwelt hat, wie man diesen reduzieren kann und warum man seiner Leidenschaft trotzdem nachgehen sollte.

Von Anna Siebenbrunner und Verena Stahl

Es geht nicht darum, jemanden zu verurteilen. Viel wichtiger ist es, gemeinsam mit Wirtschaft, Skigebieten und Sportler*innen Lösungen zu finden, die für alle Seiten akzeptabel sind. Nur so können wir die Zukunft des Wintersports nachhaltig gestalten. – Verena Stahl, Präsidentin von POW Austria

Wintersportler*innen sehen sich immer häufiger mit dem Vorwurf konfrontiert, der Umwelt mehr Schaden als Nutzen zuzufügen. Und das, obwohl leidenschaftliche Outdoor Sportler*innen vermeintlich noch ein höheres Umweltbewusstsein haben als andere Teile der Gesellschaft. Wenn das Carven auf der Piste oder eine „first line“ im hüfttiefen Pulver plötzlich einen bitteren Beigeschmack bekommt, muss etwas im Argen liegen. Doch woran liegt das? Was hat sich verändert, dass man es nun nicht mehr so genießen kann wie früher? Die Antwort darauf ist simpel: Man hat dazugelernt und erkannt, dass man der Umwelt und dem Klima durch die Ausübung seines Hobbys nicht unbedingt Gutes tut. Ein innerer Gewissenskonflikt entsteht.

Den größten Schaden fügt man der Umwelt schon bei der An- und Abreise zu. Hier werden nämlich prozentual die meisten CO2- Emissionen eines Skitags freigesetzt (über 70 %). Die CO2-Bilanz fällt schon besser aus, wenn man nicht nur für einen einzigen Skitag an- und am selben Tag wieder abreist, sondern stattdessen mehrere Tage im Skigebiet verbringt. Doch auch die Infrastruktur eines Skigebiets leistet einen großen Beitrag zu den CO2 Emissionen: angefangen von den Schneekanonen, über die Pistengeräte, bis hin zu den Liftanlagen. Dazu kommen überdimensionierte Hotelbauten mit Wellness-Bereichen und anderen klimaschädlichen Entspannungs- und Unterhaltungsoptionen zum vermeintlichen Wohle der Gäste. Im Sommer sind diese fallweise geschlossen oder nur spärlich belegt.

Eine Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln bringt neben der Reduktion der eigenen CO2-Emissionen noch weitere Vorteile mit sich. Die Zeit in Zug, Straßenbahn oder Bus kann man gut für andere Dinge nutzen, die hinter dem Steuer sitzend nicht möglich sind: ein bisschen Schlaf nachholen, mit Freund*innen tratschen oder etwas lesen (z.B. um sich über zu erwartendes Gelände und Verhältnisse zu informieren).

Doch ist das auf Dauer leistbar? Mit etwas „Reisedisziplin“ rentiert sich ein Jahres- oder Halbjahresticket recht bald. Auf einen einzelnen Tag gerechnet ist es möglicherweise günstiger, das Auto zu nehmen, doch langfristig spart man sich nicht nur die Spritkosten, sondern auch die Erhaltungs- und Versicherungskosten.

Von Innsbruck ins Skigebiet Stubaier Gletscher.

Von Innsbruck ins Skigebiet Stubaier Gletscher. Bei An-/Abreise mit dem Auto werden die meiste CO2-Emissionen eines Skitages freigesetzt. Also lieber in Fahrgemeinschaften mit dem PKW anreisen oder – noch besser – gleich alle zusammen mit dem Öffi-Bus und nicht für einen Tag zig Kilometer herunterspulen. Grafik: POW

In viele Skigebiete ist die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut möglich, allerdings oft mit zusätzlichem Zeitaufwand verbunden. Das dürfte auch einer der Hauptgründe sein, warum das Auto – neben seiner Bequemlichkeit – noch immer das populärste Mittel zur Fahrt ins Schneevergnügen ist. Doch jeder Beitrag zur Senkung der Emissionen und der damit verbundenen Entlastung des Klimas sollte als Rechtfertigung für den erhöhten Aufwand genügen. Im Idealfall führt das neu erlangte Klimabewusstsein bei immer mehr Wintersportler*innen zu einer Veränderung des Mobilitätsverhaltens. Wegen der gestiegenen Zahl an Öffi-Enthusiast*innen werden die bestehenden Kapazitäten immer knapper und Politik und Verkehrsbetriebe sind dazu gezwungen, zu reagieren und das Angebot auszubauen. Doch die dafür notwendige kritische Masse muss erst erreicht werden. Daran gilt es zu arbeiten. Einerseits kann man durch Mundpropaganda im Freundes- und Bekanntenkreis für die öffentliche Anreise zum Skifahren werben, andererseits bedarf es dafür auch Anreize vonseiten der Politik und der Skigebiete. Auch ihnen muss daran gelegen sein, den Wintersport nachhaltiger zu gestalten. Gerade in den Alpenregionen, wo der Wintersport eine dermaßen große Rolle für Wirtschaft und Arbeitsmarkt spielt, sind Konzepte gefragt, die den Wintertourismus mit Klima- und Umweltschutz vereinbaren.

Starke und schwache Winter gab es schon immer. Doch klar ist, dass durch den Klimawandel die Extrema – man erinnere sich etwa an die heftigen Schneefälle in Teilen des Alpenraumes zu Jahresbeginn 2019 – ebenso zunehmen wie die milden Winter. Es ist davon auszugehen, dass der Winterniederschlag durch das veränderte Klima zukünftig immer seltener in Form von Schnee und immer häufiger in Form von Regen fällt. Vor allem niedrig gelegene Skigebiete im Voralpenraum werden mit dieser Entwicklung schwer zu kämpfen haben. Für sie wird die Gewährleistung der Schneesicherheit für den Saisonstart Anfang Dezember zusehends zur Herausforderung. Um der Schneeunsicherheit Herr zu werden, schmieden viele (v.a. große) Skigebiete Expansionspläne. Skigebietserweiterungen und -zusammenlegungen werden mit dem hohen Konkurrenzdruck gerechtfertigt. Die Skigebietsbetreiber*innen argumentieren damit, nur so weiterhin attraktiv für die Wintertourist*innen zu bleiben. Diese Argumentation geht allerdings zulasten der Umwelt. Die Eingriffe in die Natur und insbesondere der Biodiversitätsverlust sind im Falle einer Erweiterung verheerend: Zerstörung von Lebensräumen, Verdichtung des Bodens durch Planierung, Verringerung des Erosionsschutzes – die Liste an Auswirkungen ließe sich noch beliebig lange fortsetzen. Der große Schaden, den die Natur durch die Skigebietserweiterung nimmt, sollte den „passionierten Wintersportler*innen“ zu denken geben. Durch ihre Entscheidung, ob sie ihren Skitag in einem Skigebiet mit Erweiterungsplänen verbringen oder in einem, das sich klar dagegen ausspricht, können sie ein Zeichen setzen. Es liegt in der Verantwortung der einzelnen Wintersportler*innen, welches Skigebiet unterstützt wird.

In den letzten Jahren ist ein Trend zu beobachten, dass immer mehr Menschen das Skitourengehen und Freeriden für sich entdecken – für den kommenden Winter wird aufgrund der COVID-19-Situation mit noch stärkeren Zuwächsen gerechnet. Zwar ist man dabei nicht auf den eben aus Umwelt- gründen kritisierten Pisten unterwegs, doch auch hierbei kann die Natur Schaden nehmen. Dies muss aber nicht sein, wenn sich die Wintersportler*innen nämlich so verhalten, wie man es von Naturliebhaber*innen ohnehin erwarten würde: verantwortungsbewusst. Rücksichtsvolles Verhalten bedeutet im alpinen Raum nicht nur, auf die eigenen Kamerad*innen zu schauen, sondern auch auf die Umwelt, und zwar indem man den eigenen Müll wieder mit ins Tal nimmt, Wildschutzgebiete und Jungwald bei Aufstieg und Abfahrt meidet und die An- und Abreise möglichst CO2-neutral gestaltet.

Hobbys sind zweifelsohne wichtig für die persönliche Entfaltung oder als Ausgleich zum möglicherweise stressigen Alltag. In Anbetracht der (klimatischen) Umstände sollte der Wintersport allerdings auf seine potenziellen negativen Auswirkungen hinterfragt werden. Niemand wird – schon gar nicht im Alpenraum – auf die Idee kommen, zu verlangen, „die Ski ins Eck zu stellen“. Dafür scheint die Empathie hierzulande, wenn es um wunderbare Wintererlebnisse geht, zu groß zu sein. Doch die Zeichen der Zeit gebieten eine kritischere Auseinandersetzung damit. Jedenfalls sollte man den Aufwand auf sich nehmen, sich mit Optionen zu befassen, um Klima und Umwelt bei der Ausübung seiner bevorzugten Wintersportart möglichst wenig Schaden zuzufügen.

Doch die Auseinandersetzung damit reicht nicht, vielmehr gilt es, entsprechend zu handeln und das eigene Verhalten zu ändern. Alleine die Wahl des Transportmittels, der Ausrüstung oder die Zusammensetzung der Jause kann einen großen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Es gilt bloß, sich zu überwinden und den ersten Schritt zu setzen. Nur so kann die Transformation zu einem nachhaltigen Wintertourismus gelingen.

Je mehr Leute sich an diesem Prozess beteiligen, desto schneller geht er vonstatten. Aufzuhalten ist dieser ohnedies nicht mehr, die Notwendigkeit dafür ist zu groß. Wenn wir den Wintertourismus und unser Verhalten nicht verändern, gibt es in absehbarer Zeit keinen Winter mehr, wie wir ihn kennen und lieben.

Über die Autorinnen:

Verena Stahl

Verena Stahl

Verena Stahl, POW-Austria-Präsidentin und aufgewachsen in den Salzburger Bergen ist mittlerweile in Innsbruck im Powder, am Fels und am Bike unterwegs. Durch ihren Master im Bereich Sport- und Eventmanagement kann sie bei POW ihr Know-how für den guten Zweck einbringen.

Anna Siebenbrunner

Anna Siebenbrunner

Anna Siebenbrunner, POW-Austria-Vize-Präsidentin, ist – wann immer es geht – in den Bergen unterwegs – am liebsten möglichst schnell, hoch und weit und bevorzugt im Winter, denn da ist man bergab noch schneller. In der steirischen Heimat waren ihr die Berge zu niedrig und zu wenig, so zog es sie zum Geographie-Studium in die Alpenhauptstadt Innsbruck.

 

Titelbild: © M. Nachschatt

Protect Our Winters

Eine Organisation zum Schutz des Winters
https://protectourwinters.at/

Pulverschnee – mittlerweile vor allem in der jüngeren Generation bekannt als „pow“. Wer liebt ihn nicht? Verzichten möchte darauf wohl niemand. Doch POW steht hierzulande auch für etwas anderes: Protect Our Winters. Die global agierende NGO hat sich dem Schutz unserer Winter verschrieben. 2007 in den USA vom Profi- Snowboarder Jeremy Jones gegründet, gibt es seit 2015 auch einen Österreich-Ableger der Organisation. Seither wächst die Bewegung. Und mit ihr die Aufgaben und Ziele.

POW verfolgt einen differenzierten Zugang. „Wir sind Teil des Problems, können aber auch Teil der Lösung sein“, lautet das Motto. Dabei zählt jeder Schritt. Deshalb wird an allen Ecken und Enden gedreht. In Gesprächen mit Politiker*innen, Mobiltätsdienstleistern, der Wintersportindustrie und Skigebieten wird daran gearbeitet, vernünftige Rahmenbedingungen für eine klimafreundliche Ausübung des Wintersports zu schaffen. Gute Zugverbindungen ins Skigebiet reichen dafür nicht aus, wenn die Mehrheit trotzdem weiterhin mit dem Auto anreist. Darum liegt ein Schwerpunkt von POW auf der Bewusstseinsbildung. In speziellen Workshops an Schulen („Hot Planet – Cool Athlete“) soll genau dieses Klimabewusstsein an die Jüngsten der Gesellschaft vermittelt werden.

Mit gutem Beispiel voran gehen und anderen als Vorbild dienen, ist das, was POW mit seiner Athletes Alliance erreichen will. Die Allianz aus Profi-Sportler*innen kann durch ihre Bekanntheit die Botschaft von POW in die Welt hinaustragen. Gestützt wird diese Botschaft von der Science Alliance, ein Netzwerk von Wissenschaftler*innen, die Forschung zu den Themen Wintersport und Klimawandel betreiben. Denn die Erkenntnisse der Wissenschaft sollten die Basis für unser Handeln sein.

Protect Our Winters vereint die Bergsportcommunity im Kampf gegen den Klimawandel und für einen verantwortungsvollen Umgang mit unserer Bergwelt.