code

*

code

Bei der Lektüre des Artikels von Arnold Kaltwasser ließ mich ein Satz aufhorchen: „Ein Lernen aus Beinahe-Unfällen steckt allerdings im Gegensatz zur Luftfahrt und der Medizin beim Bergsport noch in den Kinderschuhen.“

Von Walter Siebert

Dieses Thema ist ein Dauerbrenner und begleitet mich schon seit vielen Jahren. Bereits 1986 schrieb ich im Buch „Selbsterfahrung statt Fremdorientierung“, dass die Unfallanalyse in der Entwicklung der alpinen Lehre vernachlässigt wurde. 20 Jahre später stellte ich in bergundsteigen 2/07 (www.bergundsteiegn.at) unter dem Titel „Warten wir noch ein paar Tote ab“ die gleiche Frage. Und jetzt grüßt das Murmeltier in Kaltwassers Beitrag erneut.

Wieso fällt es dem Homo alpinus so schwer, aus den Fehlern anderer zu lernen? Dabei drängt sich eine Frage auf: Wollen wir überhaupt aus Beinaheunfällen lernen?

Ich behaupte, dass die Mehrheit der Bergsteiger das gar nicht will. 

Zwei unterschiedliche Sicherheitsphilosophien

Ich kenne zwei Sicherheitsphilosophien, die einander ausschließen:

Die eine hat das Ziel, die Unfallrate gegen null gehen zu lassen („Zero Accident“).

Beispiele: Arbeitssicherheit, Industriekletterer, Verkehrsflugzeuge. Ein tödlicher Unfall wird nicht hingenommen, sondern ist Anlass, das Sicherheitskonzept zu verändern. In der Arbeitssicherheit führt ein tödlicher Absturz dazu, dass sämtliche Aufstiegssicherungssysteme umgebaut werden.

Die andere Philosophie hingegen akzeptiert eine gewisse Unfallrate („Accidents Accepted“). 

Beispiele: Straßenverkehr, Risikosportarten. 

Gefährliche Flugzeugtypen werden also nicht akzeptiert, sondern bleiben am Boden. Amusementparks gehören ebenso zur ersten Kategorie: Wenn bei einer Hochschaubahn jemand abstürzt, wird die Anlage stillgelegt und möglicherweise werden als Konsequenz sämtliche Hochschaubahnen nachgerüstet (denn Hochschaubahnfahren gilt nicht als Risikosportart). Die von Philipp Strasser erwähnten Funsporthallen, wo auch geklettert wird, gehören ebenso zu dieser Kategorie.

Wollen wir Helden?

Aber: Haben Hochschaubahnen Helden? Ich kenne keinen.

Helden findet man hingegen im Bergsport – und zum Held-Sein gehört Mut, Wagnis und in der Regel auch Todesgefahr.Je riskanter die Unternehmung, desto größer der Held. Schwierige Soloklettereien, noch dazu im Sprinttempo, sind dafür typisch. Gefährliche Routen „entschärfen“ ist umstritten und wird heftig diskutiert. Bohrhaken, die definitiv die Sicherheit erhöhen, werden da schon mal abgeflext. Das Risiko ist bei „Accidents Accepted“ wesentliches Merkmal und soll sogar erhalten bleiben.Beim Bergsteigen werden also Unfälle akzeptiert, teilweise bleibt deren Anzahl über Jahre in der gleichen Bandbreite.

Hingegen soll bei Zero Accident-Aktivitäten, also Amusementparks, Funkletterhallen usw. das tatsächliche Risiko gegen null gehen, die Gefahr nur subjektiv erlebt, quasi vorgetäuscht, sein. 

Es ist daher kein Zufall, dass die Selbstsicherungssysteme, die ungesichertes Wegklettern ausschließen, dort erfunden wurden, weil diese bekannte Gefahr seit Längerem hinlänglich bekannt ist und dort nicht akzeptiert wird.

Kletterhallen kommen aus dem Bergsport und haben daher (noch?) das Konzept einer Risikosportart. Ich sehe allerdings einen klaren Trend in Richtung Amusementparks. Sollte es irgendwann gewollt sein, dass in Kletterhallen keine Unfälle mehr passieren, ist die Einführung eines CIRS ein ausgezeichnetes und wirksames Mittel.

CIRS und „Zero Accident“

Ein Critical Incident Reporting System (CIRS), zu deutsch „Berichtssystem über kritische Vorkommnisse“, ist ein Berichtssystem zur anonymisierten Meldung von kritischen Ereignissen und Beinahe-Unfällen. 

CIRS, also das Lernen von Beinaheunfällen, ist ein wichtiger Bestandteil eines Zero Accident-Systems. Es werden Zwischenfälle zentral gesammelt und ausgewertet, um Muster und potenzielle Gefahrenquellen zu erkennen und diese – wenn möglich – vor dem nächsten schweren oder gar tödlichen Unfall auszumerzen.

Übrigens, weil es oft missverstanden wird: Es geht bei Zero Accident nicht um ein Versprechen oder gar den Irrglauben zu behaupten, es werden damit keine Unfälle mehr passieren. Vielmehr geht es darum, auf erste Hinweise auf mögliche Unfälle zu reagieren, tatsächliche Unfälle zu analysieren und Maßnahmen zur Vermeidung dieser Unfälle zu setzen. Will man Unfälle verhindern, muss man weit vorher ansetzen (siehe Kasten).

Die Frage, die sich Kletterhallenbetreiber stellen müssen: Wollen wir das tatsächliche Risiko bewahren? Will „die Gesellschaft“, dass Hallenklettern risikobehaftet ist? 

Wenn die Antwort „ja“ ist, dann sollten wir es klar deklarieren und dem Trend entgegenwirken, dass Hallenklettern eine Alternative zum Fitnessstudio wird. Denn diese neue Zielgruppe hat eine andere Einstellung zum Klettern, was sich bereits jetzt in gerichtanhängigen Klagen zeigt und mittelfristig auch die Versicherungen aktiv werden lässt.

Und wenn die Antwort „ja“ ist, dann brauchen wir auch kein CIRS.

Der Vorfall-Unfall-Trichter

Meistens kündigen sich Unfälle an. Es passieren Hoppalas, Unaufmerksamkeiten. Es passieren Beinaheunfälle: „Gerade noch mal gut gegangen.“
Jetzt muss man es sich im Verlauf einer Zeitspanne so vorstellen, dass es eine Aneinanderreihungsolcher Trichter gibt, die von Zeit zu Zeit einen Toten produzieren. Das ergibt dann die Zahlen, die von bergundsteigen Jahr für Jahr in der Unfallstatistik veröffentlicht werden, z.B. durchschnittlich 24 Lawinentote/Jahr. Beim Basejumpen sind die Trichter sehr, sehr steil, beim Tiefschneefahren sehr, sehr flach. Lernen und Entwickeln verläuft in diesem Bereich langsam, teilweise unmerklich.
Die Idee von CIRS ist es nun, bereits bei den Zwischenfällen und Beinaheunfällen anzusetzen: Wenn eine Fehlhandlung öfter auftritt und es bei Beinaheunfällen nur eine Frage der Zeit ist, bis etwas Gröberes passiert, sucht man nach einer (bevorzugt technischen) Lösung.
Ein typisches Beispiel wäre auch: Ein CIRS hätte registriert, dass sich Kletterer wiederholt versehentlich in die Materialschlaufen einhängen. Bei der zu niedrigen Bruchlast der Schlingen wäre der erste Absturz vorprogrammiert. Man hätte (in einer perfekten Welt) gehandelt, bevor sich der erste reinsetzt und abstürzt – aber allerspätestens nach dem ersten tödlichen Absturz. Bei einem „Accidents Accepted“-System ändert sich nichts, weitere tödliche Unfälle werden passieren.

Walter Siebert

ist Berg- und Skiführer, Skilehrer, Höhlenführer, Gerichtssachverständiger für Alpinistik und alpinen Skilauf sowie Hochseilgärten. Er betreibt ein Labor für nachhaltige Sicherheits-forschung sowie eine Inspektionsstelle für Seilgärten. www.siebert.at