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Welches Infektionsrisiko geht in Zeiten der Corona-Pandemie von Bergsportmaterial aus und inwieweit können, wollen oder müssen wir dieses reduzieren? Kann und muss man Bergsportmaterial und persönliche Schutzausrüstung (PSA) desinfizieren? Inwieweit gilt das für Kletterhallen? Diese Fragen behandelt Alexandra Schweikart in ihrem Beitrag – mit dem Wissensstand von Anfang Mai 2020 – aufgrund einer intensiven Literaturrecherche.

Von Alexandra Schweikart

Interaktionen von Viren und Menschen oder Viren und Materialien sind kompliziert und schwierig zu erforschen. Zuallererst muss man verstehen, dass es in biologischen Systemen lediglich zur Risikoreduktion kommen kann, Null-Risiko ist nicht definierbar: Niemand kann ein einzelnes Virus messen. Möglich ist lediglich, das Risiko um einen Faktor 10, 100 usw. zu reduzieren.

Bergsteiger können das sicherlich gut nachvollziehen, da sie wissen, was Restrisiko heißt und was es bedeutet, ein gewisses Zusatzrisiko relativ zu der Grundakzeptanz vom Basisrisiko zu haben. Professor Marcel Leist von der Universität Konstanz (spezialisiert auf Methodenentwicklung und -bewertung im medizinischen Bereich) sagt dazu: „Die Virusinfektion ist eine Dosisfrage, je weniger davon da ist (es braucht aber nicht null sein), desto unwahrscheinlicher wird die Infektion.“ Ein Beispiel zur Einschätzung des Restrisikos: Wer heute ins Donautal oder ins Zillertal zum Klettern fährt, hat ein wesentlich höheres Risiko, eine Borrelieninfektion mit Komplikationen zu bekommen − wegen der Zecken − als an Covid-19 zu erkranken. Allerdings ist Letzteres in unserer Wahrnehmung momentan stärker präsent.

Zur „PSA-Quarantäne“ hängt man das Klettermaterial einfach an einen luftigen Ort. Foto: Alex Schweikart

Zur „PSA-Quarantäne“ hängt man das Klettermaterial einfach an einen luftigen Ort. Foto: Alex Schweikart

Wie wird SARS-CoV-2 übertragen?

Es sind vor allem drei Übertragungswege bekannt: durch Tröpfchen, Aerosole und über Kontaktflächen.

Das Virus wird in den überwiegenden Fällen durch Tröpfcheninfektion übertragen (Husten, Niesen oder Sprechen).1 Dabei werden die Tröpfchen über die Schleimhäute von Mund, Nase und auch Augen des Gegenübers aufgenommen. Hier geht es um größere Tröpfchen, die im Abstand von einem halben Meter bis drei Metern (je nach Lungenvolumen oder Dauer einer Hustenattacke) einfach zu Boden fallen.

In Studien konnte auch gezeigt werden, dass Aerosole (Tröpfchen kleiner als fünf Mikrometer, die beim Husten, Niesen und sogar schon beim Ausatmen entstehen und dann sozusagen in der Luft „stehen bleiben“) bis zu drei Stunden in einem geschlossenen Raum (beispielsweise Patientenzimmer) nachweisbar waren und auch infektiöse Viren enthielten.2 Allerdings wurde hier nur in geschlossenen Räumen und ohne Luftzug gemessen: inwieweit Aerosole bei geöffnetem Fenstern oder im Freien stabil bleiben oder „verdünnt werden“, ist bisher ungeklärt. In einer anderen Studie wurde gezeigt, dass die Ausbreitung des Aerosols durch die Verwendung einer chirurgischen Maske verringert werden konnte.3 Auf die Verwendung von Masken möchte ich hier nicht weiter eingehen, empfehle aber die Lektüre einer Studie der BW Universität München, die in Strömungsexperimenten die Ausbreitung der Tröpfchen beim Husten mit und ohne Masken veranschaulicht.4

Übertragungen durch Oberflächen, auf denen das Virus „sitzt“, nennt man Kontaktinfektion. Beispielsweise greift sich eine infizierte Person an die Nase oder an den Mund, dann bedient sie das Handy, gibt das Handy einer anderen Person, welche sich daraufhin an die Nase (Mund oder Augen) greift. Dieser Übertragungsweg kann nicht ausgeschlossen werden, scheint aber weit weniger häufig zu sein als die Tröpfcheninfektion. Studien zu Infektionstracking in vielen Ländern zeigen fast lückenlos, dass die Tröpfcheninfektion durch direkte Mensch-zu-Mensch-Übertragung der überwiegende Hauptweg ist.5 Bisher sieht es so aus, als wenn Kontaktinfektionen (Türklinken usw.) und auch Aerosole eine untergeordnete Rolle spielen.

Wichtig zu wissen ist: Von der Ansteckung mit dem Virus bis zum Symptombeginn liegen nach derzeitigem Wissensstand im Mittel fünf bis sechs Tage – die sogenannte Inkubationszeit. Die Spanne reicht jedoch von einem bis zu 14 Tagen. Allerdings kann eine infizierte Person bereits zwei Tage vor Symptombeginn ansteckend sein; genau am Tag vor Symptombeginn ist eine infizierte Person gar am meisten infektiös! Überraschenderweise haben viele Infizierte (etwa 43 %) überhaupt keine Symptome.6 Wir können uns also im Moment zu keinem Zeitpunkt sicher sein, ob wir (Über-)Träger des SARS-CoV-2-Virus sind! Die Aussage: Ich bin gesund, ich merke nichts, ich kann niemanden mit dem SARS-CoV-2-Virus anstecken, gilt im Moment nicht uneingeschränkt.

Zusammenfassung

Das Virus wird überwiegend von Mensch zu Mensch durch Tröpfchen übertragen (Husten, Niesen). (Flug)-Übertragungen durch im Raum stehende Aerosole und Kontaktübertragungen durch Oberflächen sind eher selten. Von der Ansteckung bis zu den ersten Symptomen vergehen durchschnittlich fünf bis sechs Tage, wobei man bereits vor Symptombeginn als infizierte Person ansteckend für andere ist.

Karabiner kann man von Hand mit Wasser und Seife waschen. Über einen Tropfen Öl danach freut sich die Feder. Foto: Alex Schweikart

Karabiner kann man von Hand mit Wasser und Seife waschen. Über einen Tropfen Öl danach freut sich die Feder. Foto: Alex Schweikart

Wie lange hält sich SARS-CoV-2 auf Oberflächen?

Bei Übertragungen durch Oberflächen spricht man von Kontaktinfektionen. Diese sind (wie bereits erwähnt) nicht so häufig wie Infektionen durch Tröpfchen, können allerdings nicht ausgeschlossen werden. Um die Überlebenszeit von vermehrungsfähigen (infektiösen) Viren auf unbelebten Oberflächen zu untersuchen, wurden verschiedene Materialien mit SARS-CoV-2-Viren „behandelt“ und dann gemessen, wie die Viruskonzentration mit der Zeit abnahm.

Übergreifendes Ergebnis: Auf allen Oberflächen nahm die Menge der Viren exponentiell ab. Allerdings mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten auf unterschiedlichen Oberflächen. Bei Kupfer waren nach vier Stunden, bei Pappkarton nach 24 Stunden keine Viren mehr nachweisbar. Bei Edelstahl hielten sich die Viren schon bis zu 48 Stunden, bei Plastik sogar 72 Stunden auf der Oberfläche am Leben.

Diese Studie wurde allerding mit einer niedrigen sogenannten Viruslast durchgeführt, andere Studien kommen bei höheren Viruslasten auf Überlebenswerte von bis zu sechs Tagen. Für Gewebe wie Baumwolle zeigten andere Studien eine Überlebenszeit der Viren von 24 Stunden bis zwei Tagen bei hoher Viruslast beziehungsweise von nur wenigen Minuten bis zu einer Stunde bei geringer Viruslast.7

Mögliche Erklärung der Wissenschaftler für die unterschiedlichen Überlebenszeiten des Virus: Oberflächen wie Baumwolle oder Karton „saugen“ ein Tröpfchen durch ihre offenporige Struktur auf. Das Virus wird ausgetrocknet und ist nicht mehr vermehrungsfähig. Bei geschlossenen Oberflächen wie Plastikhandschuhen bleibt ein virushaltiges Tröpfchen an der Oberfläche erhalten.

Zu diesen Studien muss man allerdings wissen, dass sie unter Laborbedingungen durchgeführt wurden, die im Alltag kaum vorkommen. Natürlich hängt die Dauer der Vermehrungsfähigkeit der Viren essenziell von der (natürlichen) Umgebung ab: Temperatur und Luftfeuchtigkeit spielen eine große Rolle (je kälter, desto länger kann das Virus intakt bleiben).8 Hängt man Kleidung beispielsweise 24 Stunden an einen warmen, trockenen Ort, sollte dies schon ausreichen, um das Virus gewaltig zu dezimieren. Die hier genannten Studien präsentieren lediglich den Nachweis von Viren auf Oberflächen nach einer bestimmten Zeit und hängen maßgeblich von der Anfangskonzentration der Viren ab. Die Ergebnisse haben keine Aussagekraft dazu, wie groß das Risiko für uns ist, uns an solch einer Oberfläche durch Kontakt zu infizieren.

Zusammenfassung

Das Virus wird überwiegend von Mensch zu Mensch durch Tröpfchen und im Raum stehende Aerosole übertragen (Husten, Niesen). Kontaktübertragungen durch Oberflächen sind eher selten (nach derzeitiger Erkenntnis etwa 10%). Von der Ansteckung bis zu den ersten Symptomen vergehen durchschnittlich fünf bis sechs Tage, wobei man bereits vor Symptombeginn als infizierte Person ansteckend für andere ist.

Aber: Die hier genannten Studien präsentieren lediglich den Nachweis von Viren auf Oberflächen nach einer bestimmten Zeit. Die Ergebnisse haben keine Aussagekraft darüber, wie groß das Risiko für uns ist, uns an solch einer Oberfläche durch Kontakt zu infizieren. 

Wenn man schon einmal beim Reinigen ist, kann man den Cams auch gleich einen Frühjahrsputz gönnen. Foto: Alex Schweikart

Durch Bürsten mit Wasser und Seife können Viren gut von Oberflächen entfernt werden. Ein Tröpfchen Öl bringt den Cam danach wieder in Bewegung. Foto: Alex Schweikart

Was macht Coronaviren unschädlich?

SARS-CoV-2 sind sogenannte behüllte Viren: Sie bestehen aus einem Kern (der die Erbinformation in Form von RNA enthält) und einer Hülle (bestehend aus Proteinen). Dieses Virus ist „relativ“ empfindlich gegen Umweltbedingungen. Es muss nicht oxidativ zerstört werden, sondern es genügen Vorkehrungen wie Austrocknen lasssen oder Wasser und Seife oder Alkohol, um das Virus unschädlich zu machen.

Ich empfehle die Hinweise des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom 4.4.2020 zur Oberflächendesinfektion außerhalb von Krankenhäusern zu lesen.9 Im Alltag sollte man regelmäßig die Hände mit Wasser und Flüssigseife waschen, laut WHO mindestens 20 bis 30 Sekunden lang, und danach mit Papierhandtüchern trocknen. Die meisten Flächen-Desinfektionsmittel und auch Hände-Desinfektionsmittel werden auf Alkoholbasis (vor allem aus Ethanol und Isopropanol) hergestellt.

Eine Reduktion des Virus auf „null“ kann man nicht erreichen, jedoch kann man es bis zu einem akzeptablen Maß verringern (auf der Flasche eines Desinfektionsmittels steht beispielsweise „tötet 99,89% aller Bakterien und Viren“). Die Toleranz hierbei hängt stark vom Zweck und der Anwendungsdomäne ab: Möchte ich mich allein im privaten Alltag vor Viren schützen, muss ich eine Gruppe von Flugrettern bei einem Einsatz mit Verdacht auf Virusinfektion schützen oder habe ich eine Operationssituation im Krankenhaus?

Natürlich gibt es für den professionellen Gebrauch noch viele weitere Möglichkeiten, das Virus unschädlich zu machen: Hitze, Chemikalien und UV-Strahlung, um nur einige zu nennen. Diese sind jedoch zur Behandlung von hochfestem Bergsportmaterial weitestgehend ungeeignet, da sie die Zerstörung textiler Kunststofffasern bewirken und dadurch die Gefahr eines Festigkeitsverlustes bergen könnten. Wer sich in diese Thematik tiefer einarbeiten muss oder möchte, kann sich die Liste der vom Robert-Koch-Institut geprüften und anerkannten Desinfektionsmittel und -verfahren herunterladen.10

Zusammenfassung

Das Virus kann durch Austrocknung dezimiert werden. Wärme und gute Belüftung helfen dabei erheblich. Wasser und Seife genügen zur Virenreduktion im Alltag. Alkohole sind geeignete Desinfektionsmittel für Hände und Oberflächen. 

Bergsportmaterialien

Durch die hier gesammelten Erkenntnisse lassen sich einige Schlüsse für den Umgang mit Bergsportmaterial (und auch allgemein PSA) ziehen. Seile, Gurte, Bandmaterial und Karabiner kommen hier zum Einsatz und können potenziell angehustet und angeniest werden. Offenporiges Textilmaterial birgt hier das geringste Risiko. Falls wir nach der Benutzung Vorkehrungen zur Virusreduktion treffen wollen, können wir wie folgt vorgehen:

Zunächst kann man das Material an einem trockenen, warmen Ort (im Freien) für 24 Stunden in „PSA-Quarantäne“ hängend auslüften. Dies sollte schon eine sehr gute Risikoreduktion bewirken. Wer darüber hinaus gehen will, kann das Material noch mit Seifenlösung abreiben. Einlegen in Seifenlösung würde das Material komplett nass machen und die Trocknungszeit verlängern. Auch kann ein Gang in der Waschmaschine mit viel Wasser und Wollwaschmittel oder Seilwaschmittel eine gute Virusreduktion erreichen (30 Grad Celsius). Für Karabiner und Expressschlingen eignet sich die Reinigung von Hand im Waschbecken mit Seife und einer Bürste. Waschbehandlungen werden zwar zu einer erheblichen Virusreduktion führen, allerdings mit dem Nachteil, dass sich das verbleibende Virus in dem nassen Material lange wohlfühlt. Waschen sollte man also nur, wenn man genug Platz zum Lüften, Zeit und gute Voraussetzungen zum Trocknen hat (also nicht bei Schlechtwetterlagen). Bei Karabinern usw. sollte man nicht vergessen, die Federn gleich nach dem Trocknen zu ölen.

Als nächste Reduktionsstufe kann man Alkohol verwenden, um das Material zu desinfizieren, und zwarEthanol/Wasser (80%/20%) oder Isopropanol/Wasser (70%/30%). Alle gängigen textilen Materialien im Bergsport (Polyamid, Polyester, Dyneema) werden dadurch nicht angegriffen. Allerdings kann sich diese Behandlung auf die Imprägnierung von Seilen und auf die Geschmeidigkeit des Materials negativ auswirken.

Bei Klettersteigsets – vor allem im Verleih – könnte man die Karabiner nach der Benutzung mit alkoholbasierten Desinfektionstüchern abreiben und das gesamte Set dann für 48 Stunden in „PSA-Quarantäne“ hängen, bevor es in die Hände des nächsten Benutzers wandert.

Aber: Um das Risiko abzuschätzen, muss man hier auch klar unterscheiden zwischen verschiedenen Anwendungsszenarien: Ist das Material nur im Privatgebrauch (einmalige Benutzung durch einen Benutzer), ist es im kommerziellen Verleih (mehrmalige Verwendung am Tag von verschiedenen Benutzern), wurde es von Infizierten benutzt? Wer immer mit dem selben Kletterpartner klettert, hat ein anderes Infektionsrisiko als ein Bergretter, dessen Material von einem potenziell Covid-19-Kranken bei der Bergung vollgerotzt wurde. Dennoch: Selbst in Situationen, in denen häufig und viel Virus vorhanden sein könnte, genügt im Allgemeinen die „PSA-Quarantäne“ bei guter Belüftung; im Zweifelsfall eben für eine Woche, um das Restrisiko so gut es geht zu minimieren.

Obacht

Dies sind alles nur Annahmen, die mit fachkundigem Hintergrundwissen − Stand Anfang Mai 2020 − zusammengetragen wurden. Für die konkreten Fälle liegen keine Testergebnisse vor! Die Tatsache, dass Alkohol nicht schädigend auf textile Teile der PSA wirkt, ist allerdings wissenschaftlich ausreichend belegt. Wenn jemandem eine Tube Handdesinfektion oder auch der Stroh-Rum im Rucksack ausläuft, muss er sich keine Sorgen um die Festigkeitswerte seines Materials machen.

Klettergriffe und Kletterhallen

Vor diesem Hintergrund noch eine kurze Überlegung zu Klettergriffen und Kletterhallen. Als geschlossene Räume, in denen sich viele Leute gleichzeitig tummeln, schwitzen, atmen und husten, herrscht hier in Zeiten von Corona natürlich ein höheres Infektionsrisiko als beispielsweise im Klettergarten. Klettergriffe werden angeatmet, angehustet und vor allem: ständig angefasst.

Anders als im Haushalt, wo Oberflächen in zufälliger Reihenfolge unterschiedlich oft angegriffen werden, sind in der Kletterhalle die Routen natürlich so geschraubt, dass man alle Griffe auch benutzt. Daher sollte man hier besonders darauf achten, dass man sich die Hände so oft wie möglich wäscht und sich auf keinen Fall während des Aufenthalts in der Kletterhalle mit den Händen ins Gesicht fasst oder das Seil beim Klippen in den Mund nimmt (was vermutlich auch in Nicht-Corona-Zeiten sinnvoll wäre).

Abstandsregeln müssen eingehalten werden; bestenfalls kann man die Halle ständig lüften, um die Luft so oft wie möglich auszutauschen und die Griffoberflächen zu trocknen. Eine gewisse „Ruhezeit“ der Routen wäre auch eine Möglichkeit, um das Infektionsrisiko über die Griffoberflächen von Person zu Person zu verringern.

Bis jetzt gibt es allerdings keine Erkenntnisse, ob es für einen Menschen risikoreicher ist, in eine Kletterhalle zu gehen oder in einen Baumarkt, und ob ein Fitnessstudio gefährlicher ist als ein Supermarkt. Eines muss jedoch ganz klar gesagt werden: Der beste Schutz vor Infektionen ist, dass keine Menschen mit einer SARS-CoV-2 Infektion in der Kletterhalle klettern. Alle anderen Maßnahmen zur Hygiene und Materialdesinfektion sind dagegen absolut zweitrangig und extrem aufwändig.

Wie könnten wir das schaffen? Die Antwort lautet im Moment: eigentlich kaum oder zumindest nicht perfekt. Als oberste Regel sollte gelten, dass niemand mit Erkältungssymptomen, die nicht abgeklärt sind, in die Kletterhalle geht. Allerdings gibt es immer auch die asymptomatischen Fälle, bei denen Menschen infiziert sind, ohne Symptome zu haben. Demnach kommt es also auf die Anzahl der Infektionen in der Gegend an. In einem Landkreis, in dem es nur eine Neuinfektion pro Woche gibt, ist das Risiko hundertmal geringer sich anzustecken als in einem Landkreis, in dem es 100 neue Infektionen pro Woche gibt. Solch ein positiver Reduktionsfaktor ist mit keiner (!) anderen Maßnahme (Lüften, Desinfizieren, Händewaschen) annähernd erreichbar.

Der Sicherheitsabstand am Standplatz lässt sich oft nur schwer einhalten. Bild: Johanns Ingrisch

Der Sicherheitsabstand am Standplatz lässt sich oft nur schwer einhalten. Abgebildet die Autorin mit Christopher Igel in „El Corazón“ am El Capitan. Bild: Johanns Ingrisch

Verhalten beim Klettern und Bergsport

Die beste Risikoreduktion wäre hier, immer mit denselben Partnern aus dem eigenen Haushalt zu klettern oder zum Bergsteigen zu gehen, sich beim Husten oder Niesen vom Material wegzudrehen bzw. in die Ellenbeuge zu husten oder niesen und Seile, Klettersteigsets usw. nicht in den Mund zu nehmen.

Mit hausfremden Partnern sollte selbstverständlich die Abstandsregel eingehalten werden.

Hände vor und nach dem Sport zu waschen, muss zur Routine werden und der Kontakt von Händen mit Mund, Nase und Augen sollte vermieden werden.

Fazit

  • Nach heutigem Erkenntnisstand geht ein erheblich höheres Infektionsrisiko von Mensch-zu-Mensch-Übertragung durch Tröpfcheninfektion aus als durch Kontaktinfektion (beispielsweise über Bergsportmaterial).
  • Sind Infizierte anwesend, ist die Menge an Viren und somit das Infektionsrisiko in geschlossenen Räumen deutlich höher als in der freien Natur.
  • Durch die Vermeidung von Bussis zur Begrüßung und die Umarmung am Gipfel können wir unser Infektionsrisiko gewaltig verringern: Abstand halten heißt die Devise!
  • Durch Einhaltung der Nies- und Hustenregeln und durch Händewaschen verringert sich das Risiko noch ein Stück weiter.
  • Um auch noch das letzte Hustentröpfchen auszutrocknen, können wir unser Material nach Gebrauch für einige Zeit unter „PSA-Quarantäne“ stellen − im Privatgebrauch können 24 Stunden genügen, im professionellen Umfeld könnte bis zu eine Woche notwendig sein.
  • In der Kletterhalle besteht der beste Infektionsschutz darin, dass keine virusinfizierten Personen darin klettern. Als Information, wie hoch das Infektionsrisiko aktuell ist, könnte man beispielweise die aktuellen Zahlen der Neuinfektionen pro Woche und pro Landkreis nehmen. Je geringer, desto geringer die Ansteckungsgefahr, auch in der Kletterhalle. Alle anderen Maßnahmen (Desinfizieren, Lüften usw.) sind dagegen sekundär und extrem aufwändig.
  • Da wir im Moment nicht wissen, wie viel Viren wo vorhanden sind und um wie viel wir diese reduzieren wollen oder müssen, kann dieser Artikel nur Anhaltspunkte liefern zu der Frage: Wie groß ist das Rest(infektions)risiko, das wir eingehen können oder wollen? ■
Das sagen die Hersteller

Einige Hersteller geben neben der normalen Gebrauchsanleitung mittlerweile Empfehlungen zum Umgang, zur Reinigung und zur Desinfektion von PSA während der SARS-CoV-2-Pandemie. Allerdings ist nicht ersichtlich, inwieweit die beschriebenen Maßnahmen das Virus verringern können, kein Hersteller hat hierzu eine Studie präsentiert. Generell gilt, dass man sich bei der Reinigung und Pflege seiner PSA an die jeweilige Gebrauchsanleitung halten muss, um dessen volle Funktion und Sicherheit zu garantieren. Im Folgenden werden die Statements der Hersteller zusammengefasst, für deren Inhalt die Hersteller allein verantwortlich sind.

Teufelberger

Teufelberger hat bereits 2015 eigene Untersuchungen präsentiert, inwieweit die Desinfektion von Seilen deren Festigkeit beeinflussen könnte.11 Sie legten Seile drei Minuten lang in 70 % Isopropanol und 30 % destilliertem Wasser ein, trockneten sie bei Raumtemperatur für 48 Stunden und testeten die verbleibende Festigkeit von Seilen aus Polyamid, Polyester und Dyneema. Übergreifendes Ergebnis: kein Verlust bei Seilen aus Polyester, 2 bis 4 % bei Polyamid und Dyneema. Teufelberger empfiehlt also, PSA in 70 % Isopropanol für drei Minuten einzulegen und anschließend an der Luft ohne direkte Sonneneinstrahlung oder Heizung zu trocknen. Auch wird empfohlen, die Produkte nicht täglich zu desinfizieren, sondern nur, wenn unbedingt nötig.12

Petzl

Petzl empfiehlt das folgende Desinfektions-Protokoll zusätzlich zur Reinigung des Materials, das laut Gebrauchsanleitung durchgeführt werden soll: Nach der Benutzung soll das Material 72 Stunden in Quarantäne gelagert werden. Danach soll es von Hand mit Seife und Wasser bei maximal 65 Grad Celsius gewaschen werden und gemäß Gebrauchsanleitung getrocknet werden. Die Waschtemperatur von 65 Grad soll eine Ausnahme sein in der derzeitigen Situation, die durch Covid-19 herrscht; normalerweise empfiehlt Petzl, sein Material bei 30 Grad Celsius zu waschen.13

DMM

DMM empfiehlt, dass PSA im Moment im Speziellen nur von ein- und derselben Person benutzt werden soll. Falls man den Verdacht hegt, dass man selbst oder das Material in der Nähe einer infizierten Person war, sollte man eine der drei folgenden Maßnahmen ergreifen

  1. Sachgerechte Entsorgung des Materials, um jede Gefahr einer Infektion auszuschließen oder
  2. PSA-Quarantäne des Materials für mindestens 72 Stunden und/oder
  3. Waschen des Materials mit Seife pH 5,5-8 mit lauwarmem Wasser (30 Grad Celsius), gründlicher Klarspülung und anschließender Lufttrocknung ohne direkte Sonneneinstrahlung oder Heizung; normalerweise empfiehlt DMM, sein Material bei 25 Grad zu waschen.14

Kong

Dem Benutzer steht laut Kong eine der folgenden Methoden zu Verfügung:

  1. Waschen mit heißem Wasser, 58 bis 60 Grad Celsius, 30 Minuten Lufttrocknung ohne direkte Sonneneinstrahlung oder Heizung (nicht geeignet für Kevlar oder Dyneema).
  2. Waschen in Wasser bei 30 bis 32 Grad mit Seife pH 5,5-8, Lufttrocknung ohne direkte Sonneneinstrahlung oder Heizung.
  3. PSA-Quarantäne für sieben Tage an einem gut belüfteten Ort ohne direkte Sonneneinstrahlung oder Heizung.15

Buckingham

Buckingham unterteilt die Desinfektionsanweisungen in drei Produktkategorien: textile Materialien, Hardware und mechanische (bewegliche) Produkte. Für Textilien wird Dawn® Dish Washing Soap für die Grundreinigung und  Dawn® Dish/Hand Antibacterial Soap für die Beseitigung von Viren empfohlen. Die Produkte sollen in ein Becken mit lauwarmem Wasser und Seife (maximal 32 Grad Celsius) gewaschen werden und danach gründlich klargespült werden. Anschließend Lufttrocknung ohne direkte Sonneneinstrahlung oder Heizung.

Hardware soll genauso behandelt werden, jedoch nur kurz im Wasser bleiben, um eventuelle Korrosion zu verhindern. Zum Trocken kann man sie mit einem sauberen Handtuch trocknen. Zusätzlich kann Hardware noch mit Lysol® oder Clorox-Desinfektionstüchern behandelt werden. Hierbei muss darauf geachtet werden, dass die Desinfektionstücher nicht mit textiler PSA in Berührung kommen.

Mechanische Teile wie Karabinerschnapper, Schnallen, GriGri usw. sollen nach dem Reinigen besonders gut getrocknet werden, um Rostbildung zu vermeiden, etwa mit Druckluft. Anschließend kann man bewegliche Stellen mit einem Tropfen Öl schmieren (Buckingham empfiehlt hier BuckLube™, WD-40® oder Hilco Lube).16

Edelrid & Red Chili 

Edelrid empfiehlt über die Gebrauchsanleitung hinausgehende Desinfektionsmaßnahmen:

  1. Einlegen in 70 % Isopropanol und 30 % destilliertem Wasser für maximal drei Minuten oder
  2. Red-Chili-Kletterschuhe mit einem Spray aus 70 % Isopropanol und 30 % destilliertem Wasser desinfizieren oder
  3. Waschen der Produkte bei 65 Grad Celsius mit oder ohne Neutralseife (nicht für Dyneema-Produkte geeignet).

Diese Vorgänge haben laut Edelrid keinen negativen Einfluss auf die sicherheitstechnischen Parameter der Produkte. Jedoch kann die Haptik, Optik oder die Funktionalität in Einzelfällen beeinträchtigt werden. Als Test legte Edelrid je drei Schlingen aus Polyamid, Polyester und Dyneema sowie ein Dynamikseil aus Polyamid in reinem Isopropanol (> 98%) für 24 Stunden ein. Darauf folgte eine 24-stündige Lufttrocknung. Die Seile wurden dynamisch und die Schlingen statisch getestet. Es wurde kein signifikanter Unterschied in der Festigkeit der Produkte festgestellt.17

Die Autorin: Alexandra Schweikart

ist promovierte Chemikerin und Textilwissenschaftlerin. Als professionelle Bergsportlerin, Sportkletterlehrerin und Sachkundige für PSAgA weiß sie genau, worauf es bei Materialien im Outdoor-Einsatz ankommt.

Verweise

  1. CDC. How COVID-19 Spreads: Centers for Disease Control and Prevention (CDC); Centers for Desease Control and Prevention, 2020 [updated February 17, 2020].
  2. van Doremalen N, Bushmaker T, Morris DH, Holbrook MG, Gamble A, Williamson BN, et al. Aerosol and Surface Stability of SARS-CoV-2 as Compared with SARS-CoV-1. The New England journal of medicine. 2020.
  3. Leung NH, Chu DK, Shiu EY, Chan K-H, McDevitt JJ, Hau BJ, et al. Respiratory virus shedding in exhaled breath and efficacy of face masks. Nature medicine. 2020:1-5.
  4. Strömungsanalysen zur SARS-CoV-2 Schutzmaskendebatte, Universität der Bundeswehr München (abgerufen am 1.5.2020).
  5. Wu YC, Chen CS, Chan YJ. Overview of The 2019 Novel Coronavirus (2019-nCoV): The Pathogen of Severe Specific Contagious Pneumonia (SSCP). Journal of the Chinese Medical Association : JCMA. 2020.
  6. Lavezzo E, Franchin E, Ciavarella C, Cuomo-Dannenburg G, Barzon L, Del Vecchio C, et al. Suppression of COVID-19 outbreak in the municipality of Vo’, Italy. MedRxiv. 2020
  7. Lai MY, Cheng PK, Lim WW. Survival of severe acute respiratory syndrome coronavirus. Clinical infectious diseases : an official publication of the Infectious Diseases Society of America. 2005;41(7):e67-71.
  8. Stability of SARS-CoV-2 in different environmental conditions: The Lancet Microbe. Chin AW, Chu JT, Perera MR, Hui KP, Yen H-L, Chan MC, Peiris M, Poon LL., published online 2.4.2020; (abgerufen am 1.5.2020).
  9. Hinweise zu Reinigung und Desinfektion von Ober­flächen außerhalb von Gesundheits­einrichtungen im Zusammen­hang mit der COVID-19-Pandemie,Robert Koch Institut (abgerufen am 1.5.2020).
  10. Liste der vom Robert Koch-Institut geprüften und anerkannten Desinfektionsmittel und -verfahren (abgerufen am 1.5.2020).
  11. Gezielte Schädigung von Faserseilen – neue Erkenntnisse für die Ablegereife. Baumzeitung
  12. COVID-19 (CORONA VIRUS) ROPE DISINFECTION, Teufelberger
  13.  RECOMMENDATIONS FOR DISINFECTING YOUR EQUIPMENT, Petzl
  14. April 2020 COVID-19: Care, Cleaning & Disinfection of DMM Equipment
  15. KONG SARS-COV-2 DISINFECTION IT-EN-ES, Kong
  16. HOW TO CLEAN, DISINFECT, AND MAINTAIN YOUR FALL PROTECTION EQUIPMENT, Buckingham
  17. EDELRID Statement Disinfection